Barbarisch, aber sinnvoll
Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940 bis 1945


Selten hat ein Buch die Gemüter so aufgewühlt wie Jörg Friedrichs Schilderung der Folgen des alliierten Bombenterrors für die deutsche Zivilbevölkerung „Der Brand“. Während die US-amerikanische Reaktion zurückhaltend war, wurde vor allem aus britischer Sicht hier erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ein Tabu gebrochen. Die Thematisierung des „totalen Krieges“ - nichts anderes waren die alliierten Bombardements -, noch dazu durch einen deutschen Autor, bedeutete für die meisten britischen Rezensenten einen Skandal ersten Ranges.

Ganz unverständlich ist das nicht, denn wer läßt sich schon gerne seine angeblichen Nationalhelden von Winston Churchill über Luftmarschall Arthur Harris, den Oberkommandierenden des Bomber Command, bis hin zu den Piloten der Royal Air Force (RAF) vermiesen.

In Deutschland löste Friedrichs Buch ebenfalls eine große Debatte aus. Nachdem das Höllenfeuer des Bombenkrieges jahrzehntelang pflichtgemäß aus dem öffentlichen Bewußtsein verbannt worden war und bereits die Beschäftigung mit diesem düsteren Kapitel der Kriegsgeschichte beflissen unter den üblichen Generalverdacht der Relativierung und Aufrechnung gestellt wurde, war vorauszusehen, daß wieder ähnliche Bedenken geäußert würden. Das vorliegende Buch dokumentiert nun erstmals die in England wie in Deutschland stattfindende Debatte. Die Beiträge nehmen dabei entweder direkt oder indirekt Bezug auf die von Friedrich angestoßenen Fragen, befassen sich mit den strategischen und politischen Voraussetzungen des Bombenkrieges und der Heimatfront auf beiden Seiten und bieten schließlich das breite Spektrum der Diskussion in Deutschland und England.

Sehr aufschlußreich ist der Text des britischen Historikers Richard Overy über „Die alliierte Bombenstrategie als Ausdruck des totalen Krieges“. Overy, der den Bombenkrieg als „barbarisch, aber sinnvoll“ bezeichnet, räumt ein, daß die westlichen Staaten 1945 überlegten, die deutschen Luftwaffenangehörigen wegen Verstoßes gegen das Kriegsrecht in Nürnberg anzuklagen, weil sie die Zivilbevölkerung bombardiert hatten. Dieser Plan wurde jedoch schnell fallengelassen, da man zu Recht befürchtete, in einem solchen Prozeß könnten auch die alliierten Bombenangriffe zur Sprache kommen. Den Gegenpart zu Overy nimmt der Historiker Corelli Barnett ein. Zwar ist seine Behauptung, Dresden noch im Februar 1945, als das Reich schon am Boden lag, zu bombardieren, sei „eine rein strategische Entscheidung“ gewesen, längst widerlegt, aber Barnett leugnet prinzipiell den klaren Vernichtungswillen, der sich beispielsweise in Churchills - von Stalin erfreut aufgenommenem - berüchtigtem Verdikt äußerte, wenn nötig, werde man „jedes Haus in nahezu jeder Stadt einäschern“.

Cora Stephan erinnert in ihrem Beitrag „Wie man eine Stadt anzündet“ an Osnabrücks Altstadt, die nach dem letzten Bombenangriff am Palmsonntag 1945 zu 94 Prozent in Trümmern lag. Friedrichs „Der Brand“, so schreibt sie, raube „alle Illusionen, die sich an die Hoffnung knüpfen mögen, das Böse sei vom Guten klar zu unterscheiden“. Keineswegs sei es um „blinde Zerstörung“ gegangen, die Zerstörung war vielmehr „gezielt“, und Churchill habe sogar zeitweise die „Ausrottung“ der Deutschen erwogen. Eine halbe Million Milzbrandbomben, die er in den USA bestellt hatte und vorsorglich „als eine erste Lieferung“ bezeichnete, wurden dann doch nicht eingesetzt. Friedrichs Buch nennt sie „eine Hymne, eine große Erzählung, ein Totengesang auf die verlorene Vergangenheit“. Es sei „eine Liebeserklärung; die Verbeugung vor einer Geschichte, deren Verluste zu empfinden sich die Nachkriegsdeutschen verboten“.

Während der 1969 geborene taz-Redakteur Ralph Bollmann ihr mit dem obligatorischen Hinweis auf Auschwitz vehement widerspricht, wobei ihm der im Umgang mit linken Sprechblasen routinierte Ralph Giordano gerne assistiert, treten der Ex-68er Peter Schneider, Martin Walser und der Soziologe Wolfgang Sofsky Stephan zur Seite. Der Bombenkrieg habe „massiv gegen das Kriegsvölkerecht verstoßen“, und „weder kausal noch intentional“ seien Bombenkrieg und NS-Verbrechen miteinander verknüpft gewesen, schreibt letzterer.

Richard Overy: Bombardierung als Ausdruck des totalen Krieges

Lothar Kettenacker (Hrsg:): Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-45. Rowohlt Verlag, Berlin 2003, 191 Seiten, 14,90 Euro