Der Untergang
Vor sechzig Jahren fegte über Hamburg der Feuersturm der alliierten Bomber hinweg
Peter Freitag

Unser Schicksal war vollzogen, die Ereignisse der übrigen Welt vermochten daran nichts mehr zu ändern. … Inzwischen sind zwar einige Monate verstrichen und andere Städte in der gleichen Weise zerstört worden, aber Hamburg war die erste große Stadt, die vernichtet wurde. Wir empfingen vielleicht die tödliche Wunde, und was danach noch folgt, ist nur ein Verenden.“

Ein halbes Jahr nach dem Hamburger „Feuersturm“, der sich dieser Tage zum sechzigsten Mal jährt, schrieb der Schriftsteller Hans Erich Nossack diese Worte in seinem Bericht „Der Untergang“ nieder. In der Nacht zum 25. Juli 1943 griffen 700 britische Bomber den Westen der Hansestadt an, zwei Tage später erfolgte der zweite Großangriff, der die Stadtteile Hamm und Hammerbrook fast zur Gänze auslöschte und in einem verheerenden, durch Brandbomben verursachten Feuer-Orkan über 40.000 Menschen qualvoll verbrennen oder ersticken ließ. Der „Feuersturm“, der als Begriff in einem Dienstbuch der Luftschutzleitung in dieser Nacht erstmals eingeführt wird, macht Hamburg zum Fanal, nimmt doch das Schicksal dieser Stadt in unfaßbar konzentrierter Form das unzähliger anderer deutscher Städte vorweg.

In seinem Tagesbefehl eröffnete das britische Bomber-Command die auf mehrere Angriffswellen ausgedehnte „Schlacht um Hamburg“, um diese Stadt „auszulöschen“. Zur Bekräftigung dieses Anspruchs wählte man als Kennwort für diese Operation „Gomorrha“. Heißt es doch im 19. Kapitel der Genesis von dieser Stadt: „Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen von dem Herrn vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha. Und kehrte die Städte um und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte, und was auf dem Lande gewachsen war.“ So zutreffend das Geschehen, das in den heißen Julinächten die Hamburger traf, mit diesen Worten beschrieben wird, so anmaßend ist doch der Anspruch derer, die ihr Tun damit bezeichneten. Es war schließlich nicht der göttliche Richter, der die Städter ob ihrer himmelschreienden Sünden strafte, es waren Menschen, die den Befehl zur Vernichtung gaben.

Dieser Tage wird in Hamburg in vielfacher Form des damaligen Grauens gedacht. Bereits in der letzten Woche veranstaltete die Zeit-Stiftung eine Lesung unter dem Motto „Der Luftkrieg über Hamburg in der Literatur“, bei der Texte unter anderem von dem eingangs zitierten Nossack, von Bert Brecht, Klaus Mann, W. G. Sebald und Ernst Jünger zum Vortrag kamen. In den Deichtorhallen und im Rathaus werden Ausstellungen eröffnet, in denen Fotos und Filmaufnahmen zum Feuersturm gezeigt werden. Eine zentrale ökumenische Gedenkveranstaltung findet in der zum Mahnmal gestalteten St. Nikolai-Kirche statt, die im Juli 1943 den Piloten der Royal Air Force als Zielpunkt gedient hatte. Das politische Hamburg versammelt sich mit dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust und der Bürgerschaftspräsidentin Dorothee Stapelfeldt an der Spitze am Donnerstag zum Gedenken an die Opfer zunächst im Rathaus der Hansestadt, anschließend findet am Bombenopfermahnmal auf dem Friedhof Ohlsdorf eine Kranzniederlegung zu Ehren der Toten statt. Bei diesen beiden Veranstaltungen ist als Gastredner auch der britische Botschafter in Deutschland, Sir Peter Torry, anwesend.

Der Einfluß der Debatte, die sich Anfang des Jahres in der Folge von Jörg Friedrichs Bestseller „Der Brand“ hierzulande um den gegen Deutschland entfachten Bombenkrieg entwickelt hatte, auf diese Veranstaltungen ist nach Angaben der Verantwortlichen in der Senatskanzlei eher gering. Das Gedenken an die Opfer, so hieß es auf Anfrage der JUNGEN FREIHEIT, sei in Hamburg nie ein Tabu gewesen und schon in vergangenen Jahren in ähnlicher Form zelebriert worden.

Ole von Beust selbst nahm - wenn auch nur indirekt - Bezug darauf, indem er in einer Kolumne der Welt am Montag zum Beginn der Gedenkwoche feststellte: „Das ist nicht der Anlaß für Schulddiskussionen, obwohl der Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung, der seinen strategischen Zweck nie erfüllte, zunehmend die Historiker beschäftigt.“ Sein politischer Instinkt ließ dem Ersten Bürgermeister jedoch den Hinweis obligatorisch erscheinen, daß „es unser Land war, das diesen Krieg … begonnen hatte“.

Bereits am Samstag hatte der Schriftsteller Ralph Giordano in der Literarischen Welt hierzu in einem Verdikt, das keinen Widerspruch duldet, festgestellt: „Primärverantwortlich“ für jeden Toten des Zweiten Weltkriegs waren „Hitler und seine Anhänger“, diese „Kausalität und ihre Chronologie sind die Grundlage jeder ehrlichen Diskussion“. Dieser (biographisch durchaus nachvollziehbaren) apodiktischen Aussage des durch die NS-Verfolgung und die Bombardierung Hamburgs gleichermaßen Geschädigten ist allerdings schon in der vergangenen Bombenkriegsdebatte widersprochen worden. Friedrichs These, die Verbrechen der nationalsozialistischen Kriegführung entließen die Gegner nicht aus der Verantwortung für die zivilen Toten des moral bombing, erfuhr einige Unterstützung: „Der Krieg ist kein Automat, bei dem die Gegenseite keine Verantwortung für ihre eigenen Mittel hätte“ (Wolfgang Sofsky). Und schon im Februar attestierte die Frankfurter Allgemeine in der Rückschau auf eine Fernsehdebatte Giordano „eine umgekehrte Aufrechnung“: „Daß es auch unter den Deutschen Opfer gab, denen sich keine Schuld zurechnen läßt, ist für manchen ein schwer erträglicher Gedanke.“

Der Ablauf des Gedenkens an den Hamburger Feuersturm und die Resonanz darauf werden nun wiederum ein Lackmustest dafür sein, inwieweit eine „neue Unbefangenheit, um Deutschland zu trauern“ tatsächlich etabliert ist, wie dies in der „Brand“-Debatte Berthold Seewald in der Welt konstatiert hatte. Denn schon vor einem halben Jahr sprach vom hohen Olymp bundesdeutscher Historiographie herab Hans-Ulrich Wehler die mahnenden Worte, man dürfe ja nicht moralisieren und in einen neuen Opferkult verfallen. Steckte dahinter etwa die von Jürgen Habermas im sogenannten „Historikerstreit“ 1986 formulierte Befürchtung, die Deutschen könnten zu „einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität“ zurückkehren?

Das Wort Kult ist abgeleitet aus dem lateinischen colere, zu deutsch pflegen. Ist nicht das Gedenken an die unbegreiflich hohe Zahl der sinnlosen Opfer, die vor 60 Jahren in Hamburg von den Flammen verzehrt wurden, das Erinnern an die schrecklichen Verheerungen, die der Feuersturm auch im Antlitz der Stadt hinterließ, eine berechtigte Form von Pflege? Wie sonst sollte denn sonst der Aporie Ausdruck verliehen werden - angesichts der Monströsität des Schreckens.