„Mehr, als man aushalten kann“
Literarische Zeugnisse über Hamburgs Gomorrha - freudig bei Mann, nüchtern bei Brecht, entsetzt bei Jünger
Thorsten Hinz

Die Nachricht vom Bombarde ment löste im fernen Kalifor nien Erschütterung aus. Am 26. Juli notierte der exilierte Bertolt Brecht in seinem Tagebuch: „Hamburg geht unter. Über ihm steht eine riesige Rauchsäule, die doppelt so hoch ist wie der höchste deutsche Berg, 6.000 Meter. Die Mannschaften der Bomber benötigen Sauerstoffapparate. Seit 72 Stunden erfolgt alle zwölf Stunden ein Angriff.“ Drei Tage später in Paris schrieb Ernst Jünger auf, was er über die Folgen des abgeworfenen Phosphors gehört hatte. Der Asphalt beginne zu brennen, „so daß die Fliehenden in ihn einsinken und zu Kohle verglüht werden: Sodom ist erreicht.“ In der Schweiz klagte Hermann Hesse, Hamburg, von wo aus ihn mehr Briefe erreicht hatten als aus jeder anderen Stadt, „existiert nicht mehr“.

Der Exilant Klaus Mann, Soldat der US-Armee, veröffentlichte im September 1943 einen Artikel, in dem er die Vernichtung der Stadt „eine äußerst wichtige und ermutigende Tatsache“ nannte. Mitleid mit ihren Bewohnern sei nicht angebracht. „Haben sie denn gegen die schweren Verbrechen protestiert, die von der deutschen Regierung (...) begangen wurden?“ Seine Argumentation war so perfide wie erhellend: Die alliierte Kriegsführung hatte jetzt Hitlersches Format! Manns Freude klang aber angestrengt, zu tief saß der Schmerz: „Das Hamburg, welches ich kannte, wird es niemals mehr geben.“

Herausgeber Volker Hage, Literaturredakteur des Spiegel, hat in der Anthologie zum Hamburger Inferno Texte unterschiedlichster Art zusammengetragen. Wolfgang Borcherts Gedicht „Hamburg 1943“ beginnt im epigonalen Georg-Heym-Sound („Der Mond hängt als kalte giftgrüne Sichel ...“), und endet im schlimmsten Kitsch: „Und der Wind weht vom Meer - ... /er singt von Hamburgs unsterblichem Herzen!“

Der genaueste und am meisten literarische Bericht stammt von einer Unbekannten namens Gretl Büttner, vermutlich eine junge städtische Angestellte, die ihre Erlebnisse für einen Polizeibericht niedergeschrieben hatte. Die Erinnerung an das Grauen und das Gefühl, Zeugnis ablegen zu müssen, verliehen ihr eine Sprachkraft, die der furchtbaren Intensität von Hieronymus-Bosch-Gemälden nahekommt: „Tote, nur Tote. Viele von ihnen hatte die Glut in phantastische, irrsinnige Stellungen gezwungen. Langsam und wie an Ketten ging der Blick von den verrenkten Gliedern zu den nicht mehr menschlichen, in ihrer Grauenhaftigkeit drohenden Gesichtern. Aufgerissene Münder, hervorquellende Augen - Antlitze, aus denen in einem letzten, ungelösten Krampf ein ungeheuer gewaltiger Schrei aufstieg in schmerzender, bedrängender Anklage.“

Ihr Bericht ist noch eindringlicher als Hans Erich Nossak berühmtes Buch „Der Untergang“, das in einem absichtlich unterkühlten Ton gehalten und in Auszügen abgedruckt ist. Nossak war kurz vor dem Angriff aufs Land gefahren, seine Rückkehr kam einer Fahrt ins Totenreich gleich. Hans Leip, der Schöpfer von „Lilli Marleen“, und der vergessene Schriftsteller Otto Erich Kiesel, versuchten in ihren Romanen, die Bombennächte mit expressionistischen Mitteln zu erfassen, doch es reichte nur zum Kunstgewerbe. Der gebürtige Hamburger Ralph Giordano, der die Bombardierung seiner Vaterstadt auch schon einmal als gerechte Strafe fürs Hitlerwählen bezeichnet hat (siehe Kettenacker-Rezension), kombinierte im Roman „Die Bertinis“ den Stabreim mit expressiven Bildern: „Vom Himmel dröhnend bedroht, vom Feuer ringsum an der entsetzten Erde gehalten ...“ Das klingt nach Bühnenzauber, nicht nach Krieg. Wolf Biermann dekonstruierte seine Poetisierungen gleich wieder: „Die kleinen schwarzgekohlten Leichen. Am Bahndamm der Erstickte. Rosa mit Tiefblau. Das ist nicht der Tod. Das sind die Toten.“

Die Anthologie enthält Texte von mehr als zwanzig Autoren. Es ist klar, daß sie nicht annähernd vollständig sein kann, aber einiges vermißt man eben doch. Curzio Malapartes Roman „Die Haut“ wird wenigstens im Nachwort erwähnt. Es fehlt Ernst Jüngers Tagebuchnotiz vom 11. August 1943, in der er den Tonfall der Legende anschlägt, um den übermittelten Fakten gewachsen zu sein. Man habe in Hamburg „einen Zug von Kindern mit grauen Haaren gesehen (...), von kleinen Greisen, gealtert in einer Phosphornacht (...) Auch soll man eine Frau gesehen haben, die in jedem Arm die verbrannte Leiche eines Kindes hielt.“

Das Buch relativiert die Behauptung, in der deutschen Literatur sei der Bombenkrieg verdrängt worden. Die Gründe, daß das Thema nicht die verdiente Aufmerksamkeit fand, liegen anderswo. Vielleicht ist die Sprache nicht das adäquate Medium, um eine glutheiße, menschenverzehrende Hölle zu schildern, die von kalter Ratio geplant und erzeugt wurde. Hage gibt zu bedenken, daß die Beschreibungen einen Überdruß erzeugen, weil es sich um Variationen von wenigen, monotonen Grundkonstellationen handelt. Der Schriftsteller Winfried Georg (WG) Sebald, der 1997 eine Diskussion über den Luftkrieg in der Literatur auslöste (er kam 2001 bei einem Autounfall ums Leben) und Material dazu sammelte, stellte fest, diese Beschäftigung erfordere mehr, „als man aushalten kann“.

Die Vielfalt und Intensität der hier mitgeteilten Sinneseindrücke rufen nach Verfilmungen, die freilich teuer sind. Es müßte über neue Finanzierungsmodelle und Gesetze nachgedacht werden. Noch finanzieren die deutschen Steuerzahler über komplizierte Abschreibungsmodelle vor allem Hollywood-Filme. Um das zu ändern, braucht es den Entschluß, sich nicht länger auf einen fremdbestimmten Blick festlegen zu lassen, sondern eine eigenständige Perspektive auf seine Geschichte zu wagen. Thorsten Hinz

Im Feuersturm völlig verbrannter Luftschutz-Melder, Hamburg-Hammerbrook: Gewaltiger Schrei in schmerzender Anklage

Volker Hage (Hrsg.): Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2003, 320 Seiten, 12 Euro