„Die Unmenschlichkeit schrankenlosen Luftkriegführung“


Im Gespräch: Der Historiker Horst Boog gilt international als kompetentester Fachmann zum Thema europäischer Luftkrieg zwischen 1939 und 1945. Er beantwortet zwölf grundlegende Fragen zu jenem Krieg, der das Antlitz des alten Europa für immer ausgelöscht hat
Moritz Schwarz

Herr Dr. Boog, in Ihrer Rezension des Buches von Jörg Friedrich „Der Brand - Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945“ (JF 50/02) haben Sie mit Blick auf den Einsatz der jungen britischen Bomberwaffe in den Provinzen des Empire in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg darauf hingewiesen, daß zu überlegen sei, ob „aus der Kolonialkriegerfahrung der Royal Air Force (RAF) eine bestimmte Mentalität entstanden ist, die sich möglicherweise auf den Bombenkrieg gegen Deutschland übertrug“. Ist es denkbar, daß die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Opfer einer kolonialen Gesinnung wurden, die sich in Großbritannien auch durch die Praxis der Disziplinierung einheimischer Völker durch Bombardements aus der Luft herausgebildet hatte?

Boog: Die meisten Kolonialmächte haben in der Zwischenkriegszeit ihre Luftstreitkräfte auch zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung gegen unbotmäßig gewordene Stämme oder Völkerschaften in ihren Kolonial- oder Mandatsgebieten eingesetzt, so die Engländer, Italiener und Franzosen. Die Deutschen wären sicher auch nicht um die Anwendung dieser Methode herumgekommen, hätten sie noch Kolonien besessen. Am intensivsten hat die Royal Air Force die „Befriedung aus der Luft“ angewandt, denn dieses Verfahren war kostenwirksamer und schneller, als wenn wochen- oder monatelang Heerestruppen durch die Wüste geschickt worden wären. In einer Zeit des Abrüstens und Sparens nach dem Ersten Weltkrieg konnte die Royal Air Force der ihr drohenden Auflösung und Rückgliederung in die beiden älteren Tellstreitkräfte durch den Nachweis entgehen, daß sie Befriedungsaktionen kostengünstiger als diese auszuführen imstande war. Man nannte dies „Imperial Policing“ oder „Air Policing of Semi-Civilised Enemies“, also „Befriedung halb-zivilisierter Feinde aus der Luft“. Darunter hat man sich kein wildes Bombardieren vorzustellen. Vor jeder Aktion mußten die Betroffenen gewarnt werden, wobei die Warnung in der Praxis manchmal nicht jeden rechtzeitig erreichte. Es ist kein Geheimnis: Die Offiziere mit Erfahrung im „Air Policing“ befehligten später die Bomberverbände in der Luftoffensive gegen Deutschland. Daraus erwächst die Frage, ob das Bombardieren von „halbzivilisierten Feinden“ nicht eine gewisse geringschätzige Kolonialherrenmentalität gegen die „Halbwilden da unten“ erzeugt haben könnte, die sich möglicherweise verstärkend auf das „moral bombing“, also das „Zermürben der Kampfmoral durch großflächige Massenbombardements der Zivilbevölkerung“, gegen die Deutschen übertragen hat, zumal der Begriff „dehousing“, („Enthausung“: Vernichtung von Wohnraum) sowohl in der Anweisung für das „Air Policing“ von 1928 als auch in der sogenannten Casablanca-Direktive für die britisch-amerikanische Bomberoffensive vom Januar 1943 vorkommt. Ich habe diese Frage in meinem Einleitungs-Essay „Harris - A German View“ zur amtlichen britischen Publikation des „Harris-Despatch on War Operations“ (London 1995) über den schon im Oktober 1945 erstellten, bislang aber geheimen Bericht des obersten britischen Bombergenerals Luftmarschall Arthur Harris über die Bilanz seiner Luftkriegführung gestellt und auch englischen Historikerkollegen vorgelegt, denen diese mentalitätsorientierte Frage allerdings noch nicht in den Sinn gekommen war. Es sollte ihr einmal in einer mentalitätsgeschichtlichen Untersuchung genauer nachgegangen werden. Solange dies nicht geschehen ist, kann sie allgemein weder verneint noch bejaht werden; letzteres wohl bei Bomber-Harris, der sicher wegen seiner Mentalität für die Durchführung der schon vom Air Staff beschlossenen Flächenangriffe auf deutsche Städte ausgewählt worden ist. Aber es gab auch andere britische Luftkriegstheoretiker wie Lord Tiverton und Luftwaffenbefehlshaber wie John Slessor und Arthur Tedder, denen man trotz Kolonialerfahrung keine Kolonialmentalität nachsagen kann und die für eine andere, selektiv gegen militärische Ziele gerichtete Bomberpraxis standen.

Immer noch herrscht im Ausland, aber auch in Deutschland die Vorstellung vor, die Schrecken des Luftkrieges gegen Deutschland seien im großen und ganzen „Kollateralschäden“ militärisch notwendiger Operationen gewesen. Welchen Charakter hatte der Luftkrieg tatsächlich?

Boog: Mit dem Begriff „Kollateralschaden“ wird mancher Unfug getrieben, zum Beispiel wenn es gilt, ihn in toto unglaubwürdig zu machen. Er hat aber durchaus seine Berechtigung, etwa wenn unvermeidliche Schäden im zivilen Bereich bei völkerrechtlich legitimen Bombenangriffen auf militärisch relevante Ziele wie Fabriken, Brücken, Bahnanlagen usw. gemeint sind. Von Kollateralschäden bei Flächenbombardements von Städten, also der Strategie des „moral bombing“ gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg zu sprechen, ist Unsinn, denn hier sollte ja gerade die Zivilbevölkerung getroffen und ihr Widerstandswille, ihre „Moral“ gebrochen werden. Solche Flächenbombardements wurden hauptsächlich von der Royal Air Force ausgeführt und zwar - nach anfänglichen Versuchen mit anderen Strategien - seit der Direktive vom 14. Februar 1942, wonach Zielpunkt immer die Mitte einer Stadt sein sollte. Harris glaubte im Gegensatz zu Churchill und dem vorgesetzten Chef des Stabes der Royal Air Force, Sir Charles Portal, tatsächlich, den Widerstandswillen des deutschen Volkes durch seine nächtlichen Städteangriffe brechen und den Krieg gewinnen zu können und antwortete jenen, die dies bezweifelten, schließlich sei es noch nie versucht worden.

Terrorbombardements waren bei den Briten die Regel

Die amerikanischen Tagespräzisionsangriffe auf militärische und industrielle Anlagen verursachten wegen Zielschwierigkeiten und des üblichen Bombenwurfs in Formation zwar Kollateralschäden, waren aber der Absicht nach keine Angriffe auf die Zivilbevölkerung. Erst ab 1943/44 mit dem Übergang zu radargeleiteten Tagesangriffen bei Wolkenbedeckung (weil diese die deutsche Jagdabwehr behinderte) nahmen auch die amerikanischen Bombenangriffe wegen ihrer größeren Ungenauigkeit manchmal flächendeckenden Charakter an, obwohl sie der Intention nach dies selbst zu diesem Zeitpunkt nicht sein sollten. Die Amerikaner suchten sich von der britischen, als inhuman empfundenen Methode immer zu distanzieren, wenngleich sie in der Spätphase des Krieges gleiches taten und mit dem Brandangriff auf Tokio am 10. März 1945 und den beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki den Flächenangriff perfektionierten. Im übrigen nahmen alle Luftstreitkräfte, auch die deutschen, unvermeidliche Kollateralschäden wegen ihrer großen moralischen Wirkung auf die Menschen billigend in Kauf. Insgesamt bleibt festzustellen, daß sich die Luftmächte, je länger der Krieg dauerte und je erbitterter er ideologisch wurde, alle auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner, dem des Bombenkrieges gegen die Zivilbevölkerung trafen, aus taktisch-technischen und emotionalen Gründen und weil man den Krieg nun mit allen Mitteln zu Ende bringen wollte. Zuerst gingen die Engländer mit ihrer Direktive vom Februar 1942 zu - im Jahre 1945 auch von Churchill so benannten -Terrorbombardements als die Regel über, nachdem sie gemerkt hatten, daß sie mangels geeigneter Zielverfahren -diese standen erst etwa ein Jahr später zur Verfügung - bei Nacht nur große Flächenziele wie Städte treffen konnten. Die Deutschen folgten nach dem Ausbrennen von Lübeck und Rostock im Frühjahr 1942 mit den mangels Bombern bald eingestellten „Baedeker-Angriffen“ auf historische englische Städte und setzten solche Angriffe für kurze Zeit im Frühjahr 1944 und ab Mitte 1944 mit der V-Waffen-Offensive fort. Bis Anfang 1942 wollte Hitler trotz seiner Propagandarede vom 4. September 1940, in der er das „Ausradieren“ englischer Städte ankündigte, die Engländer nicht durch regelmäßige Terrorangriffe (was die deutschen Bombardements der Wirkung nach zum Teil schon waren) provozieren, war er doch schließlich in Rußland gebunden. Nach dem Rückschlag vor Moskau und seiner Einsicht, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, glaubte er jedoch alle Brücken hinter sich abbrechen zu können.

Welchen militärischen Nutzen hatten die Angriffe tatsächlich?

Boog: Der militärische Nutzen (beziehungsweise Schaden für Deutschland) der gezielten (meist amerikanischen) Tagesangriffe auf Engpaßindustrien, Verkehrsanlagen etc. wie auch der britischen Flächenangriffe auf Städte war entgegen weitverbreiteter gegenteiliger Ansicht enorm, wenn auch prozentual die Zerstörungen im Bereich Industrieanlagen nicht so groß waren. Doch sie verhinderten in entscheidenden Kriegsphasen das geplante Ansteigen der Rüstungsproduktion auf deutscher Seite. Die oft geäußerte Meinung, die Bomberoffensive sei ineffektiv und damit militärisch überflüssig gewesen, weil tatsächlich die Moral der Zivilbevölkerung nicht gebrochen werden konnte (im Polizei- und Überwachungsstaat mußte man seinen Kriegsaufgaben nachkommen, wenn einem sein Leben teuer war) und weil zum Beispiel die Flugzeug- und Panzerproduktion trotz umfangreicher Bombenangriffe 1944 ihren Höhepunkt erreichte, geht daher fehl. Die britischen Flächenangriffe beeinflußten die Rüstungsproduktion im allgemeinen zwar nur indirekt, aber deswegen nicht weniger effektiv. Millionen von Menschen, die an den Fronten und in den Fabriken fehlten, mußten zur Bedienung der Flak und zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt werden. Viel Personal und Material (etwa Aluminium) ging in die Flakgeschütz-, Flakmunitions- und Funkmeßgeräteproduktion, die 30 bis 50 Prozent der jeweiligen Produkte ausmachten und zum Beispiel die viel wichtigere Jägerproduktion - Jäger schossen im allgemeinen doppelt soviel Flugzeuge ab wie die Flak - stark beeinträchtigten. Fliegeralarme und Städteangriffe hatten ferner eine hohe Abwesenheitsrate der Arbeiter von ihren Arbeitsplätzen zur Folge. Was die selektiven Bombenangriffe betrifft, so wirkten sie sich wie folgt aus: Der Einsatz der strategischen Bomber in der Atlantikschlacht trug maßgeblich mit zur deutschen Niederlage im U-Boot-Krieg im Frühsommer 1943 bei. Die nun weitgehend ungehinderten Truppen- und Materialtransporte über den Atlantik ermöglichten den Ausbau Englands als Basis für die verstärkte Bomberoffensive gegen Deutschland und als Absprungbrett für die Invasion 1944 wie auch intensivere Hilfstransporte für die Sowjetunion, die zum Beispiel wegen der gewaltigen amerikanischen Lieferungen von Lastwagen ihre Lastwagenfabriken großenteils auf Panzerfertigung umstellen konnte, worin sie Deutschland bei weitem übertraf.

Coventry war strategisch gesehen ein legitimes Ziel

Die Bombardierung der deutschen Jagdflugzeugfabriken in der zweiten Hälfte 1943 durch die Amerikaner verzögerte dort einen Produktionsanstieg zu einem Zeitpunkt, als die amerikanischen Begleitjäger im Begriffe waren, die Luftherrschaft über Deutschland zu erringen. Dasselbe geschah noch einmal im Februar 1944. Trotz steigender deutscher Jägerproduktion konnten die entstandenen Lücken nicht geschlossen, die erforderlichen Stärken der Jagdverbände nicht erreicht werden. Im übrigen ging die Steigerung der Jägerfertigung auf Kosten der Bomberproduktion, die im Sommer eingestellt wurde. Nur mit Jägern war kein Krieg mehr zu gewinnen. Dazu erhöhten sich die deutschen Jagdflugzeugverluste derart, daß die amerikanischen Tagbomber nach Belieben jedes Ziel in Deutschland bombardieren konnten. Die deutsche Luftwaffe wurde so derart geschwächt, daß sie zur Abwehr der Invasion praktisch ausfiel. Die Zerstörung der synthetischen Treibstoffwerke, die das Flugbenzin für die Luftwaffe herstellten, und die Paralysierung des Eisenbahnnetzes 1944/45, dessen Intaktheit zur Zusammenführung der wegen der Bombenangriffe weithin verlagerten Teilproduktionen und zur Versorgung der Fabriken mit Kohle und Rohmaterial notwendig war, bildeten das i-Tüpfelchen beim Zusammenbruch von Rüstungsindustrie und Wehrmacht. Gerade die Eisenbahnangriffe, so rücksichtslos gegenüber der Zivilbevölkerung sie durchgeführt wurden, erwiesen sich als ausschlaggebend, und der Mangel an Flugbenzin legte die Luftwaffe allmählich lahm.

Ist es richtig, daß mit dem Bombenkrieg lediglich das auf Deutschland zurückschlug, was es im Ersten Weltkrieg über London und später in Guernica, Rotterdam und Coventry gesät hatte?

Boog: Man kann die Luftoperationen des Ersten Weltkrieges nicht als Begründung für Bombardements im Zweiten Weltkrieg nehmen. Fest steht, daß alle maßgeblichen Luftmächte in der Zwischenkriegszeit alle mit der neu entstehenden Luft- und Bomberwaffe taktisch-technisch eröffneten Möglichkeiten in jeder Hinsicht, also vom taktischen Bombenkrieg auf dem Gefechtsfeld bis zum strategischen gegen die Zivilbevölkerung und die industriellen und sonstigen Kraftquellen eines Gegners erwogen haben, um nicht noch einmal einen blutigen Stellungskrieg wie 1914 bis 1918 führen zu müssen. Man wollte die Landfront in der dritten Dimension umgehen und den Feind direkt an der Wurzel treffen in der Hoffnung, einen Krieg dadurch schneller gewinnen zu können. Je nach geostrategischer Lage und angesichts der im allgemeinen beschränkten Ressourcen legten die einen, wie etwa Deutschland, den Schwerpunkt auf eine mittlere Bomberwaffe zur Heeresunterstützung, die anderen, wie England, auf eine unabhängige strategische Bomberwaffe. Lediglich die USA waren in der Lage, alle Sektoren des Luftkrieges materialmäßig gleichermaßen zu bedienen. Deutschland schlug 1935/36 sogar die Beschränkung der Zulässigkeit von Luftbombardements auf die Gefechtszone vor, was einem Verbot strategischer Luftangriffe auf Ziele im Hinterland gleichgekommen wäre. Es scheiterte damit aus nachvollziehbaren Gründen unter anderem an England. Die Luftmächte waren sich dabei der Möglichkeiten der jeweils anderen Variante eines Luftkrieges bewußt. In Deutschland starb die Idee des strategischen Bombenkrieges nicht in jeder Hinsicht, auch wenn man zunächst eine Bomberwaffe mittlerer Reichweite aufbaute, die einem Kontinentalkrieg in Europa genügte. Für Deutschland als Landmacht war ein Krieg immer zuerst ein Landkrieg. Bombardements verteidigter und vergebens zur Kapitulation aufgeforderter Städte in der Frontlinie, Beispiel Rotterdam, waren eigentlich unvermeidlich. Sie waren taktischer Natur, unterlagen im Prinzip der Haager Landkriegsordnung und sollten nicht zur Begründung späterer alliierter strategischer Flächenangriffe herangezogen werden, wenngleich dies in der Kriegspropaganda üblich war und heute noch geglaubt wird. Hierzu gehört ebenfalls Guernica, ein zwar fehlgelaufener, doch taktischer Angriff im Rahmen der Gefechtsfeldabschnürung, und auch Warschau. Es geht nicht an, zum Beispiel den Angriff auf Rotterdam nach dem ius in bello - also den Regeln für das Handeln im Krieg, - nach welchen der Angriff statthaft war, nach dem ius ad bellum - also der völkerrechtlichen Frage, ob ein Krieg überhaupt geführt werden darf - zu beurteilen und ihn damit zu verurteilen, weil Deutschlands Überfall auf die Niederlande nicht rechtmäßig war. Coventry war - auch aus englischer Sicht - legitimes strategisches Ziel, wegen der großen Anzahl von Rüstungswerken dort, die auch gezielt getroffen wurden. Aber wegen der Gemengelage von Fabriken inmitten von Wohngebieten entstand großer Kollateralschaden, der propagandistisch von beiden Seiten ausgebeutet wurde. Als strategischer Angriff ist Coventry nicht mit dem bewußten Bombardement der Zivilbevölkerung in Dresden gleichzusetzen. Im übrigen sollte man Abstand von der Auffassung nehmen, einer habe angefangen, und der andere habe dann zu Recht zurückgeschlagen. Alle waren mehr oder weniger auf die verschiedenen Möglichkeiten eines Bombenkrieges theoretisch vorbereitet, wie sie in der damals weitverbreiteten Konzeption des Totalen Krieges enthalten waren. Lediglich, niemand wollte sofort „in die Vollen gehen“. Was den Beginn des strategischen Bombenkrieges betrifft, so hat der Völkerrechtsexperte im britischen Luftfahrtministerium James M. Spaight schon 1944 festgestellt, daß die Engländer Deutschland bombardiert haben, lange bevor die Deutschen England bombardierten. Die englische Bomberoffensive begann in der Nacht des 15. auf den 16. Mai 1940 (die Angriffe zuvor, etwa auf Mönchengladbach, waren taktischer Natur und sollten den Nachschub für die im Westen vorrückende Wehrmacht unterbrechen), während die deutsche Luftwaffe noch längere Zeit im Westfeldzug gebunden war.

Hatte die deutsche Luftkriegführung verbrecherischen Charakter, wie auch in Deutschland immer wieder behauptet wird?

Boog: Mit dem Begriff „verbrecherisch“ werden manchmal Handlungen belegt, die im Kriege unvermeidlich, aber deshalb nicht eo ipso verbrecherisch sind. Leider sind Kollateralschäden oft bedauerliche Begleiterscheinungen auch bei gezielten, also legitimen Angriffen auf militärisch relevante Objekte. Selbst sogenannte „intelligente Bomben“ erzeugen heute noch solche Schäden. Die deutsche Bombenkriegführung gegen England bis Mitte 1941 zielte gemäß der amtlichen britischen Darstellung über die Verteidigung der britischen Insel von Sir Basil Collier aus dem Jahre 1957 auf militärisch relevante Objekte wie Hafenanlagen, Fabriken, Flugplätze, Regierungsviertel. Sie waren also nicht unrechtmäßig nach damaligem Dafürhalten, wenngleich sie Zehntausende von Ziviltoten hinterließen. Man sollte hier aus deutscher Sicht hinzufügen, daß die Zielungenauigkeit bei Nacht von deutscher Seite billigend hingenommen wurde wegen ihrer demoralisierenden Wirkung und daß die Deutschen hin und wieder sogenannte Vergeltungsangriffe einstreuten, weil die Engländer vorher deutsche Städte mit Bomben belegt hatten. So näherte sich auch die deutsche Luftkriegführung trotz noch nicht bestehender Regelhaftigkeit allmählich dem unterschiedslosen Bombenkrieg. Immerhin schrieb der Kanonikus an der Kathedrale von Coventry, Paul Oestreicher, unlängst in der britischen Sonntagszeitung The Observer: „Wenn Krieg Krieg war, dann war Coventry ein legitimes Bombenziel!“ Ab Frühjahr 1942 bis Mai 1944 wechselten zunächst nadelstichartig mit immer geringeren Kräften geführte, kleinere deutsche Bombenangriffe mit zum Schluß mit stärkeren Kräften geführten Vernichtungsangriffen ohne große Wirkung ab. Die deutschen Bomber waren technisch-taktisch ihrer Aufgabe schließlich nicht mehr gewachsen.

Woher stammt die Strategie des Terrors?

Boog: Die Idee des Terrorbombenkrieges ergab sich, wie oben gesagt, aus den neu eröffneten technischen Möglichkeiten des Bombers und den beiderseitigen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges sowie dem theoretischen Denken in Kategorien des Totalen Krieges. Sie fand ihren nachhaltigsten Niederschlag in den Überlegungen des italienischen Luftkriegstheoretikers Giulio Douhet, der der Bomberrüstung die Priorität in der Gesamtrüstung eines Landes zusprach und der Auffassung war, man könnte einen Krieg allein durch schwere Bombenangriffe gewinnen, bei denen auch Giftgasbomben abgeworfen werden sollten. Tatsächlich ließen sich die kontinentaleuropäischen Mächte kaum von Douhet beeinflussen. Die Luftkriegsplanungen und -vorbereitungen Englands und Deutschlands zielten zunächst auf einen Bombenkrieg gegen militärisch relevante Ziele, und im ersten Kriegsjahr waren die Bomberbesatzungen beider Mächte angewiesen, nur solche Ziele anzugreifen und die Bomben wieder mitzubringen, wenn die Ziele nicht gefunden wurden. Allerdings spielte in der britischen Luftkriegsdoktrin der Angriff auf die Moral des Gegners, was immer damit gemeint war, die hervorragende Rolle. Eine Entwicklungslinie, die sich auf Angriffe gegen militärisch relevante Ziele richtete, wurde von der sogenannten Trenchard-Doktrin, die schon in den zwanziger Jahren auch das Bombardement von Arbeitervierteln vorsah, weil die Arbeiter ja schließlich die Waffen produzierten, verdrängt. Möglicherweise drückt sich hier auch das in einer früh industrialisierten und demokratischen Gesellschaft stärkere Bewußtsein der gegenseitigen Abhängigkeit von Zivil, Rüstung und Militär in einer arbeitsteiligen, modernen Industriegesellschaft aus und besonders die Tatsache, daß in dieser der Wille des Volkes von großem Einfluß auf die Regierung sein kann.

Bombenkriegserinnerung störte nach 1945 nur

Auf den unterschiedslosen Bombenkrieg gegen Industriestädte gingen die Engländer wie erwähnt erst im Frühjahr 1942 mit Regelmäßigkeit über. Sie blieben bei dieser Art Bombenkrieg, selbst als sie schließlich in der Lage waren, auch Ziele geringer Ausdehnung zu treffen. Frühzeitig schon haben sie es abgelehnt, ihre Bombenangriffe auf deutsche Städte als Repressalie im Sinne des Völkerrechts zu bezeichnen, weil es im Wesen der Repressalie liegt, damit aufzuhören, wenn der Gegner von vorherigem unrechtmäßigem Tun Abstand nimmt. Für sie war das Flächenbombardement die Regel, denn im Falle eines Nachgebens Hitlers hätten sie nichts gehabt, um direkt gegen Deutschland zu schlagen. In der deutschen Luftkriegsdoktrin bildeten Terror- oder Vergeltungsangriffe die Ausnahme, die nur im Falle unrechtmäßigen Bombardierens des Gegners zur Anwendung kommen sollte. Wie erwähnt, verwischten sich im Verlaufe des Krieges die Grenzen. In der amerikanischen Doktrin waren Terrorangriffe erst angesagt, wenn der Gegner schon am Zusammenbrechen war. Sein Fall sollte so beschleunigt werden, um Verluste zu sparen: Ein schnelles Ende mit Schrecken also.

Luftbombardements als Teil moderner Kriegsführung

Hitler hatte einmal gesagt: „Bei Beginn und Führung eines Krieges kommt es nicht auf das Recht, sondern den Sieg an“. Das alliierte Militärtribunal in Nürnberg verbot es, Beweise für alliierte Luftkriegsverbrechen auch nur vorzulegen. Handelte man also nicht nach der Devise Hitlers?

Boog: In Nürnberg wurden weder deutsche noch alliierte Bomberbefehlshaber wegen ihrer Luftkriegführung angeklagt. Die eigenen anzuklagen, die gerade mitgeholfen hatten, den Krieg gegen ein Unrechtsregime zu gewinnen, war kaum möglich. So kam man in Anbetracht der Auslegung, daß es schließlich schon vor dem Kriege internationaler Konsens war, daß Fabriken und militärische Anlagen in Städten gezielt bombardiert werden durften (sonst hätte ein jeder seine Rüstung und sein Militär durch Verlegung in die Städte unangreifbar machen können), zu dem Schluß, die Ruinen in den deutschen und japanischen Städten seien das Resultat nicht von Repressalien, sondern einer bewußten Politik, und zeugten davon, daß das Luftbombardement von Städten und Fabriken ein anerkannter Teil moderner Kriegführung sei, der alle Nationen anhingen. Tatsächlich gab es durch die Verlagerung und Aufsplittung ganzer Industriezweige beinahe in jedem Ort irgendein als militärisch relevant anzusprechendes Objekt, das einen Angriff nach dieser Deutung erlaubte. Man folgerte, die Kriegsgewohnheiten der Nationen hätten sich eben geändert. Das humanitäre Kriegsvölkerrecht - vertragliche Regelungen des strategischen Bombenkrieges gab es nicht, die Engländer lehnten noch nach Ende des Krieges die Anwendung selbst der Haager Landkriegsordnung auf den Bombenkrieg ab - blieb auf der Strecke.

Warum sahen und sehen viele Deutsche den Luftkrieg nicht als alliiertes Kriegsverbrechen, sondern als „gerechte Strafe“ des deutschen Volkes für Krieg und Holocaust, wenn sich dies, wie Sie dargelegt haben, nicht belegen läßt?

Boog: Fatalerweise hat sich die eigene Kriegspropaganda, die sich des „coventrierens“, also des Ausradierens ganzer Städte brüstete, zusammen mit den später bekannt gewordenen NS-Verbrechen als Schuldgefühl tief in die Gemüter der Deutschen eingegraben, so daß Schweigen über die eigenen Leiden unter den Bomben geboten schien. Die Erinnerung an dieses Leiden sitzt bei den Älteren noch tief und hat zu einer geradezu fundamentalistischen Ablehnung von Kriegen geführt und zu einem weitverbreiteten, über ein vernünftiges Maß hinausgehenden bedingungslosen Pazifismus. Von einer Unterdrückung des Bombenkriegserlebnisses wird man aber wohl kaum sprechen können. Vielmehr war die Kriegsgeneration nach dem Kriege voll mit dem Wiederaufbau beschäftigt und lebte schließlich auf, wobei die Bombenkriegserinnerungen nur störten. Es gibt eine Unzahl guter und weniger guter Veröffentlichungen über den Bombenkrieg in den deutschen Städten, die auch die Leiden der Zivilbevölkerung schildern. Daß der Bombenkrieg angeblich erst jetzt, ausgelöst durch das Buch Jörg Friedrichs, rezipiert wird, scheint mir übertrieben und hängt sicher damit zusammen, daß die Medien den „Brand“ künstlich zum Medienereignis hochstilisiert haben und das zweifellos große Echo schon als Rezeption deklarieren. Die Medien schlachten dies bisher angeblich unbeackerte Feld aus. Man fragt sich nur, zu welchem Zweck. Dreht es sich nur um Auflage oder Einschaltquoten oder stecken politische Absichten dahinter?

Wie hat der amerikanische Vorwurf der Inhumanität auf die Briten gewirkt?

Boog: Die Engländer lehnten im Bemühen um die Erhaltung ihrer Selbständigkeit gegenüber dem immer stärker werdenden amerikanischen Partner dessen Kritik an ihrer Bombenkriegführung ab, auch deshalb, weil eine Umstellung auf amerikanische Verfahren riesige rüstungs- und ausbildungsmäßige Probleme verursacht hätte bund einem Eingeständnis gleichgekommen wäre, daß die bisherigen Bombenkriegspraxis falsch gewesen sei. Heute ist das englische Urteil über die eigene Bombenkriegführung im allgemeinen pragmatisch. Ihre Bomberoffensive sei das einzige Mittel gewesen, Deutschland direkt zu treffen. Sie habe geholfen, den Krieg zu gewinnen. Es wäre schlimm gewesen, gegen ein unmenschliches Regime wie das Hitlers zu verlieren. Ich habe aber mit ehemaligen britischen Bomberpiloten und späteren hohen Offizieren der Royal Air Force gesprochen, die, nachdem sie nach dem Kriege das volle Ausmaß dessen, was sie getan hatten, erkannten, teilweise selbst ihr Tun im Kriege als inhuman verurteilten.

Trägt die im Herbst letzten Jahres ausgebrochene Bombenkriegsdebatte zur Klärung bei, oder lanciert sie nur neue Mythen?

Boog: Die aktuelle Debatte um den Bombenkrieg hilft, den nachwachsenden Generationen die Leiden ihrer Väter und Mütter unter den Bomben und die Unmenschlichkeit einer schrankenlosen, nur den technischen Möglichkeiten folgenden und die natürlichen Menschenrechte mißachtenden Kriegführung zu verdeutlichen, damit solches nicht wieder geschieht. Sie hat zwar zu einigen sehr guten, kenntnisreichen, ein- und umsichtigen Reaktionen in Rezensionen und Leserbriefen (Jeismann, Wehler, Schnatz, Drews, etc.) sowie Artikeln (etwa Kucklick) geführt, sachlich hat sie allerdings bislang nichts Neues gebracht, ist zu großen Teilen von Unkenntnis über die weiteren und tieferen Zusammenhänge gekennzeichnet. Leider werden auch immer wieder die alten Kriegspropagandalegenden beider Seiten wiederholt, die von der Geschichtswissenschaft längst widerlegt sind. Eine solche Mär ist die von den angeblichen amerikanischen Tieffliegerangriffen auf Zivilisten in den Dresdner Elbwiesen - wenngleich es in der letzten Kriegsphase überall anderswo in Deutschland so etwas gab - und die gebetsmühlenartige Wiederholung der These, Deutschland habe geerntet, was es im Luftkrieg gesät habe. Hier sei noch einmal auf den Unterschied zwischen dem Recht zum und dem im Kriege hingewiesen. Alte Standpunkte und Werturteile werden verfestigt, aber die sensationelle Aufmachung hat immerhin eine bisher ungekannte Aufmerksamkeit dem Thema gegenüber erzeugt. Vor einer Emotionalisierung der eigenen Opferrolle sollte man sich jedoch hüten. Das bringt heute nichts mehr.

Muß nicht in Deutschland ein Opferkult um unsere Kriegstoten geschaffen werden, weil dies zu den Voraussetzungen gehört, wieder eine ganz normale Nation wie England oder Frankreich zu sein?

Boog: Trafen sich alle drei maßgeblichen Luftmächte früher oder später und aus unterschiedlichen Gründen in der Absicht des unterschiedslosen Bombenkrieges, so waren doch die Mittel hierzu ungleich verteilt. Die deutsche Bomberwaffe war zu schwach und am Ende nicht mehr existent. So war Deutschland die Opferrolle vorbehalten. Sie gehört zusammen mit den Leistungen und Aspekten wie auch den Schattenseiten der deutschen Vergangenheit zur deutschen Geschichte, die nicht erst mit Auschwitz beginnt. Alle verdienen sie in unserem Bewußtsein aufbewahrt zu werden. Dies für die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung unter den Bomben sehr packend getan zu haben, ist das Verdienst des Buches „Der Brand“ von Jörg Friedrich, das vor allem literarisch als dramatisches Monumentalwerk beeindruckt, weniger aber als wissenschaftliches Werk, das es im strengeren Sinne auch nicht sein soll.

Wie beeinflußte die westalliierte Erfahrung im Bombenkrieg gegen Deutschland bzw. dessen moralische (Nicht)-Aufarbeitung deren Bombenkriegführung nach 1945 bis zum jüngsten Irak-Krieg?

Boog: Nicht nur die westalliierten Erfahrungen im Bombenkrieg des Zweiten Weltkrieges, sondern auch die allgemeinen mit dem Bombenkrieg der zwanziger bis vierziger Jahre, der zwar durch das oft nicht beachtete humanitäre Völkergewohnheitsrecht, nicht aber durch ein internationales Luftkriegsvertragsrecht eingeschränkt war, führten zu gewissen Einschränkungen des Bombenkrieges - jedenfalls der Intention nach, denn nicht alle Abkommen wurden von allen maßgeblichen Mächten ratifiziert. Beispiele solcher Einschränkung sind etwa das Verbot bakteriologischer und toxischer Waffen vom 10. April 1972, die Zusatzprotokolle zu den Genfer Abkommen von 1949 aus dem Jahre 1977 oder die Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung gegen besonders grausame konventionelle Waffen von 1980. Zweifellos spielte hierbei die in gewissen Bevölkerungskreisen und bei einzelnen Persönlichkeiten in England und Amerika während des Krieges und besonders nach dem Vernichtungsangriff auf Dresden hervorbrechende Kritik an der Praxis der unterschiedslosen, besonders von der britischen Regierung stets abgelehnten, bei Kriegsende aber stillschweigend eingestandenen Bombenkriegführung eine Rolle. Wie auch die anschließende, noch längst nicht abgeschlossene moralische Aufarbeitung dieses Geschehens. Den wichtigsten Beitrag zur möglichsten Schonung der Zivilbevölkerung und Beschränkung eines Bombenkrieges auf militärisch relevante Ziele (was unter Streß- und Kampfbedingungen nicht immer garantiert werden kann) leistete allerdings die Technik, die in der Zwischenzeit leistungsstärkere Flugzeuge und genauere Zielverfahren und Waffen, wie sie im Zweiten Weltkrieg noch nicht möglich waren, entwickelt hat. So konnte im jüngsten Luftkrieg gegen Irak die Absicht der weitgehenden Schonung der Zivilbevölkerung deutlich gemacht werden. 

Viermotorige B17-Bomber, „Fliegende Festung“ im Luftkrieg über Deutschland (1943): Recht zum Krieg und Recht im Krieg sind unter-schiedlich zu bewerten

Luftmarschall Arthur Harris (1892-1984) hochdekoriert und zum Sir nobilitiert, 1977: Rücksichtslosigkeit als Charaktermerkmal

Blick von der Hamburger St. Nikolai-Kirche auf die zerstörten Kontorhäuser, August 1943: Eine Direktive gab vor, daß der Zielpunkt immer die Mitte einer Stadt sein sollte

 

Dr. Horst Boog war leitender wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Die Deutsche Luftwaffenführung 1935-1945“ (1989), als Herausgeber den Band „Luftkriegsführung im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich“ (1992) und „Das Deutsche Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943-44/45“ (2001).