"Die ganze Stadt verbrennen"

Der Historiker Wolfgang Schaarschmidt (Bild) über die Zerstörung Dresdens 1945 und die Tabus in der Debatte um den Bombenkrieg
Moritz Schwarz

Herr Dr. Schaarschmidt, keine andere deutsche Stadt identifiziert sich so sehr mit der Katastrophe ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wie Dresden, obwohl andere Städte nicht minder schwer getroffen wurden. Warum?

Schaarschmidt: Das Verhältnis der Dresdner zur Zerstörung ihrer Stadt ist in Tat ein sehr besonderes. Als zum Beispiel der britische Historiker Frederick Taylor, der nach Meinung des international anerkannten Luftkriegsexperten Horst Boog in seinem Buch „Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945“ die „Überlieferung von der brutalen ... überflüssigen und militärisch sinnlosen Vernichtung der Kulturstadt Dresden widerlegen will“ (JF 18/04), am 20. Januar in der sächsischen Residenzstadt öffentlich auftrat, mußte er von der Polizei geschützt werden.

Nirgendwo sonst ist beute noch solcher „Volkszorn“ wegen des Bombenkrieges zu beobachten.

Schaarschmidt: Viele Dresdner fühlen sich herausgefordert: Erstens durch die Frage nach der moralischen Rechtfertigung für die Zerstörung ihrer Stadt, von der damals bekanntlich viele Bürger glaubten, sie würde als europäisches Kulturgut verschont. Zweitens durch die Debatte um die Zahl der Opfer. Drittens durch die politische Instrumentalisierung der Katastrophe damals wie heute.

Wo sehen Sie heute diese Instrumentalisierung?

Schaarschmidt: Wenn der NPD heute vorgeworfen wird, das Gedenken für ihre Zwecke zu mißbrauchen, so mag das zutreffen. Verschwiegen wird aber, daß die NPD nicht die einzigen sind: Anfang der achtziger Jahre begannen sich die Dresdner jedes Jahr in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar mit Kerzen an der Ruine der Frauenkirche zum stillen Gedenken zu versammeln. Da damals keine öffentliche Meinungsäußerung, die nicht mit der offiziellen Sicht der Dinge konform ging, möglich war, haben die Dresdner mit diesem Schweigen einen Weg gefunden, sich der politischen Vereinnahmung zu entziehen. Was allerdings noch gegen die SED behauptet werden konnte, wurde nach der Wende 1989/90 vereinnahmt: Es war der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der dieses - ich nenne es „Schweigen in Würde“ - brach. Weizsäcker hat als erster nach Ende der SED-Herrschaft - Anfang der neunziger Jahre - in Dresden am 13. Februar eine politische Rede gehalten. Damit war der Reigen der Politisierung wieder eröffnet.

Welchen Tenor hatte die Rede von Weizsäckers?

Schaarschmidt: Er hat den Dresdnern „klargemacht“, daß die Vernichtung ihrer Stadt nur die Konsequenz des Krieges war, den Deutschland entfesselt hatte. Daß führende Luftkriegsexperten wie Horst Boog diese Theorie längst widerlegt haben (siehe zum Beispiel Boog-Interview in JF 31-32/03), fand dabei keine Berücksichtigung. Natürlich waren das nicht die Worte, die Dresdner nach der Wende erwartetet hatten, zumal diese Deutung im Grunde nichts anderes war als die Wiederaufnahme der alten SED-Propaganda von der „selbstverschuldten“ Vernichtung der Stadt als Ernte des „Hitlerfaschismus“, die man gerade erst losgeworden war. Im Jahr 2000 stellte dann der Historiker Helmut Schnatz sein Buch „Tiefflieger über Dresden?“ vor (JF 18/00), in dem er, gestützt auf amerikanische Quellen, nachweist, daß es in Zusammenhang mit dem 13./14. Februar 1945 keine Tieffliegerangriffe auf Zivilisten in Dresden gegeben habe. Ich war damals bei der Vorstellung des Buches mit dabei. Im Saal herrschte Empörung, einige Besucher zeigten sich auf verzweifelte Art wütend und waren den Tränen nahe.

Gab es denn nach Ihren Erkenntnisse diese Tieffliegerangriffe?

Schaarschmidt: Das kann ich nicht abschließend beurteilen. Es gibt aber einfach noch zu viele Zeitzeugen in Dresden, die solche Angriffe erlebt haben, erlebt haben wollen oder sich einbilden, sie erlebt zu haben. Angriffe alliierter Jagdflugzeug auf deutsche Zivilisten sind in unzähligen anderen Fällen unbestritten, insofern ist es auch für Dresden denkbar. Wie auch immer es aber tatsächlich gewesen sein mag, der Punkt ist, daß das Buch von Schnatz viele provoziert hat. Viele Dresdner empfinden es gerade nach der Unterdrückung der Debatte während vierzig Jahren DDR als demütigend, nun - nach ihrer Ansicht - schon wieder „entmündigt“ zu werden, und das auch noch durch „zugereiste“ Historiker oder Politiker, die den Zeitzeugen erklären wollen, wie es wirklich war. Und all das obendrein in einer Zeit, in der sich viele Menschen in den neuen Ländern sowieso zurückgesetzt fühlen.

Das macht „die Dresdner“ aber auch nicht gerade zu einer objektiven Quelle.

Schaarschmidt: Ganz und gar nicht. Ich habe nur versucht, den „Seelenzustand“ vieler - vor allem ältere - Dresdner zu schildern, um das besondere Empfinden in puncto Bombenkrieg zu erklären.

Hängt diese spezielle Dresdner Befindlichkeit auch damit zusammen, daß der Bombenkrieg gegen Deutschland in der deutschen öffentlichen Wahrnehmung stark auf das Symbol Dresden fokussiert wurde? Der britische Luftkriegsexperte Alexander McKee nannte Dresden einmal das „deutsche Hiroshima“.

Schaarschmidt: Den Dresdnern ist die außergewöhnliche Infamie des Angriffs auf ihre Stadt sicher bewußt, aber daß sich ein von außen zugewiesener Hiroshima-Komplex eingestellt hätte, das glaube ich nicht.

Die Medien betonen den Tenor der SED-Bombenkriegspropaganda gegen die „anglo-amerikanischen Terrorangriffe“. Sie haben dagegen den Aspekt der selbstverschuldeten Vernichtung der Stadt als „Saat des Faschismus“ herausgestellt.

Schaarschmidt: Beide Muster waren gleichberechtigte Elemente der Deutung Dresdens durch die SED. Das können Sie heute noch an den Stelen des Ehrenhains für die Opfer der Zerstörung der Stadt auf dem Heidefriedhof ablesen, wo sowohl auf Auschwitz und Coventry als auch auf den „alliierten Bombenterror“ hingewiesen wird. Der Vorwurf, die NPD stehe mit ihrer Bezeichung alliierter Flugzeugbesatzungen als „Terrorflieger“ in der Tradition der SED-Propaganda, ist also insofern irrelevant, da die gleichen, die darauf so gerne hinweisen, sich mit der „Die Deutschen sind selbst schuld“-These ebenfalls in die Tradition der SED-Propaganda stellen. All das zeigt im Grunde nur, wie untauglich der Versuch ist, die jeweils andere Seite mit Verweis auf das, was schon die Nationalsozislisten oder die Kommunisten gesagt haben, zu „überführen“. Das kann schließlich kein Maßstab sein. Sebastian Haffner hat treffend darauf hingewiesen, daß auch wenn für Hitler zwei und zwei vier war, dies deshalb nicht weniger richtig ist.

Und welche Wertung der Ereignisse halten Sie nun aus wissenschaftlicher Sicht für „richtig“?

Schaarschmidt: Daß es sich bei der britischen Strategie des morale bombing per definitonem um Terror gehandelt hat, ist offensichtlich. Wie sonst soll ein „Bombardieren, bis die Moral bricht“ funktionieren? Wer mir sagt, das seien aber doch die Argumente der NPD, dem kann ich nur erwidern, daran kann ich auch nichts ändern, und ihn auf Horst Boog, Jörg Friedrich oder Winston Churchill verweisen - letzterer hat selbst davon gesprochen, es dürfe „keine Anstrengung gescheut werden“, die Deutschen „zu terrorisieren und zu paralysieren“. Andererseits würde ich nicht so weit gehen wie die NPD und die Bomberpiloten als „Massenmörder“ und „Luftgangster“ bezeichnen, da die jungen Soldaten subjektiv an den militärischen Gehalt ihres Auftrages geglaubt haben und vielen erst nach dem Krieg klar wurde, was sie da eigentlich getan haben.

Was ist gegen die These vom Bombenkrieg als bloßer Rückkopplung des Krieges einzuwenden?

Schaarschmidt: Moralisch kann man das natürlich so betrachten, allerdings nur wenn man eine sehr archaische Moralvorstellung pflegt, denn sie besagt, daß es unter bestimmten Umständen gerechtfertigt ist, eine ganze Stadt samt ihrer Bewohner niederzubrennen. Historisch ist die Theorie dagegen haltlos. So ist zum Beispiel die immer wieder in Deutschland präsentierte Kausalkette, alliiertem Bombenterror sei entsprechender deutscher Bombenterror vorausgegangen, so nicht richtig. Denn die dazu immer wieder herangezogenen deutschen Bombardements von Guernica, Rotterdam, Warschau und Coventry waren - im Gegensatz zu Dresden - allesamt Operationen mit militärischem Charakter. Darauf weist Boog seit Jahren hin, und auch die meisten angelsächsischen Luftkriegshistoriker akzeptieren diesen Unterschied. Dennoch findet dieser Stand der Forschung so gut wie keinen Eingang in die Darstellungen der deutschen Massenmedien. Im übrigen wurde die Strategie der Vernichtung ganzer Städte in Großbritannien schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges geplant und die dazugehörigen Flugzeugtypen entwickelt, sie kann also keine Reaktion auf die deutsche Seite sein.

Nicht die Planung, die Anwendung aber schon.


Schaarschmidt: Jörg Friedrich hat das gut dargestellt: Die strategische Bomberwaffe der Briten mit morale bombing-Kapazität wurde eingesetzt, weil sie vorhanden war! Die englische Bomberwaffe folgte der ihr immanenten Vernichtungslogik, nicht der Logik des Krieges. Wenn die NPD behauptet, der Bombenkrieg gegen Dresden stehe „nicht ursächlich in Zusammenhang mit dem 1. September 1939“, dann hat sie militärisch gesehen recht, zumindest wenn man Jörg Friedrich folgt. Ob die NPD moralisch oder kriegspsychologisch recht hat, ist eine andere Frage.

Allerdings muß man zugeben, daß Dresden - ein Eisenbahnknotenpunkt und Sammelplatz für Soldaten - militärisch durchaus ein legitimes Ziel war, wie Frederick Taylor betont.

Schaarschmidt: Das ist richtig, aber die Kritik an der Bombardierung der Stadt bezieht sich auch nicht auf die Tatsache, daß es überhaupt Luftangriffe gegeben hat, sondern auf den Charakter der Angriffe vom 13./14. Februar 1945. Diese folgten eben nicht einer klassisch-militärisch, sondern der Strategie des morale bombing. Ziel waren nicht militärische oder kriegsrelevante Einrichtungen und Soldaten, sondern die Stadt selbst, ihre zivilen Einwohner und die Flüchtlinge, die sich in Dresden stauten. Der Feuersturm, in dem die ganze Stadt mit Mann und Maus verbrennen sollte, war kein „Kollateralschaden“, sondern der Zweck des Angriffs. Warum in den Medien immer wieder, zum Beispiel zuletzt vom Spiegel, in Zusammenhang mit der Debatte um das Wort „Bombenholocaust“ von einem „konventionellen Bombenangriff“ die Rede ist, ist mir schleierhaft.

Was ist dran, an der These vom „Bombenholocaust“?

Schaarschmidt: Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Der letzte große Streitpunkt ist die Zahl der Opfer in Dresden. Die offizielle Zahl von 35.000 wird immer wieder angezweifelt. Nun hat Oberbürgermeister Ingo Roßberg eine Kommission zur Klärung dieser Frage eingesetzt. Auch Sie widmen sich in Ihrem Buch vor allem dieser Frage und gehen abschließend von etwa 90.000 Opfern aus. Wie kommen Sie darauf?

Schaarschmidt: Die Zahl 35.000 geht zurück auf die Ermittlungen des kommunistischen Nachkriegsbürgermeisters von Dresden, Walter Weidauer. Der hat wohl etwa 45.000 bis 55.000 Tote „unterschlagen“.

Warum sollte er, Dresden war das Werk der Westalliierten, eine hohe Opferzahl hätte gut in die Kalte-Kriegs-Propaganda der SED gepaßt?

Schaarschmidt: Zum Beispiel, weil man, als Weidauer seine Zahlen 1946 erhoben hat und der Kalte Krieg noch gar nicht richtig ausgebrochen war, in Nürnberg noch fürchtete, allzu hohe Zahlen könnten bei den Prozessen dort auch die Frage nach alliierten Kriegsverbrechen aufwerfen.

Das ist ein Motiv, aber noch kein Beweis.

Schaarschmidt: Der Beweis ergibt sich aus den Ergebnissen, die der Leiter der Abteilung „Tote“ in der Vermißtennachweis-Zentrale Dresdens, Hanns Voigt, ermittelt hat und die von mehreren Lazarettärzten bestätigt worden sind. Dort ist von 80.000 bis 90.000 erfaßten und von geschätzen 150.000 Toten die Rede. Auch sowjetische Quellen sprechen von solchen oder sogar höheren Zahlen.

Könnte Voigt nicht geirrt oder manipuliert haben, immerhin war er NSDAP-Mitglied?

Schaarschmidt: Weidauer hat schließlich die Staatssicherheit gebeten, Material zusammenzustellen, um Voigt, der im Sommer 1945 entlassen und später in den Westen gegangen war, zu desavouieren. Offensichtlich hat die Stasi nichts gefunden, denn Weidauers späteres Buch „Inferno Dresden“ enthält keine stichhaltigen Beweise gegen Voigt.

Der Gomorrha-Angriff auf Hamburg 1943, bei dem die Hansestadt ebenfalls durch einen Feuersturm vernichtet wurde, kostete etwa 32.000 Tote, so die offizielle noch im Krieg festgestellte Zahl. Warum soll es im viel kleineren Dresden soviel mehr Tote gegeben haben?

Schaarschmidt: Weil die Art des Angriffs in Dresden wesentlich konzentrierter war. So vergingen etwa in Hamburg nach dem Feuersturm fast zwei Tage bis zum nächsten Angriff, während es in Dresden nur drei Stunden waren. Das heißt, in Dresden wurden die Rettungskräfte und die aus den Kellern kriechenden Überlebenden gezielt noch einmal bombardiert. In Hamburg beträgt zum Beispiel die offizielle Zahl der von den Feuerwehren gerettete Menschen 80.000 Personen, in Dresden sind es nur 600.

Der Historiker Rolf-Dieter Müller, Mitglied der Roßberg-Kommission, meint, es zeichne sich eher eine Zahl niedriger als 35.000 ab.

Schaarschmidt: Mir wurde vom Oberbürgermeisteramt in Dresden mitgeteilt, daß sich die Kommission mit meinen Angaben noch auseinandersetzen wird. Wenn das geschehen ist, soll ich zudem angehört werden. Ich bin also zuversichtlich. Geschichtswissenschaftlich halte ich die Frage nach der wahren Zahl der Toten für sehr wichtig, allerdings möchte ich klarstellen, daß sich moralisch weder durch eine eine niedrigere, noch eine höhere Opferzahl etwas ändert. Dresden bleibt eine der großen Katastrophen in der Geschichte, die nie hätten passieren dürfen. 



Dr. Wolfgang Schaarschmidt geboren 1931 in Dresden, erlebte die Luftangriffe auf seine Heimatstadt am 13./14. Februar 1945 im vom Feuersturm verschonten Stadtteil Prießnitz. Nach dem Krieg studierte er Medizin in Halle und Hamburg, unterbrochen von fast vier Jahren Haft in der Sondervollzugsanstalt Bautzen II. Seit 1984 studierte er Geschichte, quellenkritisch erforschte er seit 1996 die Umstände nach der Zerstörung Dresdens und die Zahl der Opfer. Sein Buch „Dresden 1945. Zahlen, Daten, Opfer“, mit einem Vorwort des ehemaligen FAZ-Journalisten Friedrich Karl Fromme, ist jüngst im Herbig-Verlag erschienen. Wir dokumentieren einen Auszug auf der Seite 16.

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