In Hamburg
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Hamburg
Im Februar 1943 gehörte ich zu der ersten Luftwaffenhelfergeneration, die mit 16 Jahren Dienst bei der Flak tun mußte. Eingesetzt am Kommandogerät 40 auf dem Flakturm auf dem Heiligen Geistfeld in Hamburg, erlebte ich das Unternehmen Gomorrha, das meine Heimatstadt zerstörte.
In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 wurden wir früh an die Geräte gerufen mit der Begründung, ein Angriff auf Hamburg stände bevor. Wir warteten stundenlang in der Dunkelheit und dachten noch, daß die stärkste Abwehrwaffe gegen feindliche Flugzeuge, die 12,8 cm Zwillingsgeschütze des Flakturmes jeden Angriff vereiteln könnten. Es kam anders.

http://www.bombenkrieg-gegen-hamburg.de

Nach Mitternacht hörten wir die ersten Motorengeräusche und piötzlich war das ganze Gebiet
um den Flakturm hell erleuchtet durch sogenannte „Tannenbäume“, die die Flugzeuge abwarfen. Sofort begann ein Bombenhagel in einer Wucht, die man sich nie hatte vorstellen können. Der Flakturm wurde zwar nicht getroffen, aber eine Luftmine explodierte zwischen den beiden Flaktürmen, zerstörte die Stromleitung und setzte damit den Geschützturm lahm. Erst am nächsten Tag wurden Notstromaggregate installiert. Die Häuser in der Straße neben dem Geschützturm lagen in Trümmern und als der Spuk vorbei war, versuchten wir, den Menschen draußen zu helfen. Aber eine Hilfe war nicht mehr möglich. Dies war für uns schlimmer als der eigentlich Angriff, denn wir wollten helfen und konnten nicht helfen, sondern mußten die verzweifelten Schreie der Menschen anhören, die in ihren provisorischen Luftschutzkellern noch lebten, über denen aber die Trümmer der fünf- oder sechsstöckigen Etagenhäuser lagen. Ein Entkommen war nicht möglich, und man sah in einem Haus durch die Trümmer hindurch die Glut eines Kohlenkellers, der vermutlich neben einem Luftschutzraum lag. 
In den Tagen darauf gehörte die Innenstadt nicht mehr zu den Hauptangriffszielen, sondern die dichbesiedelten Arbeiterviertel, und wir sahen vom Flakturm aus jene unglaubliche Feuerwand, in der Zehntausende Menschen – meist Frauen, Kinder und alte Leute – verbrannten.

Gottfried Dyrssen 




 
Hamburg
Die Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943. Eine schlimme Nachricht von meinem Vater erreichte mich im August 1943 in Cuers (Südfrankreich): „... Du mußt damit rechnen, daß Mutti und Trudel (meine Schwester, am 11. Juli 20 Jahre alt geworden) wohl nicht mehr unter den Lebenden sind. Es gibt nur wenig Hoffnung...“
Ich war Soldat. Der Brief meines Vaters erreichte mich früher als ein gleichzeitig abgeschicktes Telegramm. Obwohl in der fliegerischen Ausbildung, erhielt ich unverzüglich 14 Tage Sonderurlaub. Der Weg vom Hamburger Hauptbahnhof in die Sorbenstraße war mir vorgeschrieben. Ganze Straßenzüge waren mannshoch zugemauert. Ein gelbes Schild mit Totenkopf warnte vor Seuchengefahr.
Erschüttert stand ich vor dem ausgebrannten Elternhaus und den anderen Betriebsgebäuden. An einer Bürowand war mit Kreide geschrieben: „Friedrich Spiekermann lebt! Adresse: Familie M. ... in Drennhausen/Elbe“.
Wir wohnten in der Sorbenstraße 2. Hinter dem Elternhaus befand sich der Großhandelsbetrieb mit Gebäuden, oberirdischen und unterirdischen Tankanlagen der Firma Gebr. Spiekermann/Benzin – Benzol – Oele und Fette.
Noch als ich im Haus war, protestierten Mutter und Schwester bei den ersten und nur wenigen Bombenangriffen (1940/42) dagegen, daß wir sozusagen „unter freiem Himmel“ blieben. Wir, das waren der Vater und ich. Aber er überzeugte beide. „Hier gibt es eine Fülle hochexplosiver und brennbarer Stoffe. Nur eine Brandbombe in das Benzollager genügt, um unermeßlichen Schaden anzurichten!“ Außerdem konnte er von Mitarbeitern nicht erwarten, Luftschutzwache zu leisten, ohne selbst anwesend zu sein. Und ich, ich fühlte mich in den Räumen, die mir keinen Ausweg ließen, unwohl und vielmehr bedroht! Ich wollte beim Vater bleiben.
Der Vater erzählte: „Als in dieser Nacht Alarm ausgelöst wurde, habe ich beide in den Luftschutzkeller im Hause der Firma Kartoffel-Krahn am Südkanal begleitet, mich wie immer von ihnen mit den Worten verabschiedet: ’Denn bis bald.’ Scheinwerfer suchten den Himmel ab. Flugzeugabwehrgeschütze waren auch schon zu hören. Ich machte schnell einen Rundgang im Betrieb: Büro- und Wohnhaus, Ställe und Garagen. Vorsichtshalber öffnete ich wie immer bei Alarm die drei Ein- und Ausfahrttore für den Fall, Pferde hinauslassen zu müssen.“
Dann erzählte er mit ängstlich umherirrenden Blicken von den vorangegangenen Nächten, von den unentwegt wieder und wieder anfliegenden Flugzeugwellen, die über Hamburg ihre Bombenlasten abgeworfen hatten.
Er berichtete: „Ich sah überall Feuerschein! Der Himmel stand in Flammen! Noch einmal machte ich einen Rundgang, inspizierte die an gefährlichen Stellen aufgestellten Wassereimer, Feuerklatschen und Feuerlöscher, mehr um mich zu beruhigen, als damit etwas Sinnvolles bewirken zu können. Ich war gerade im Pferdestall, da dröhnte die Erde, erzitterte unter meinen Füßen! Mit ohrenbetäubendem Krachen fielen aus der Richtung Grevenweg – Wendenstraße – Sorbenpark Bomben; eine letzte wohl in den Sorbenpark, unmittelbar vor unserem Haus. Erst sprang ich aufgeschreckt zurück in den Stall – Deckung suchend. Dann wagte ich einen Blick nach draußen. Undurchdringlicher Qualm überall! Heiß die Luft! Heftige Winde trafen mich, die sich alsbald zu Böenwalzen aus undurchdringlichem Qualm mit aufstiebenden Funken entwickelt hatten und alles auf dem Hofplatz durcheinanderwirbelten, was nicht niet- und nagelfest gewesen war! Ich sah nicht einmal das Tanklager!
Als ich dann plötzlich eine dumpfe Verpuffung hinter und über mir hörte, zuckte ich heftig zusammen, trat einige Schritte hinaus, drehte mich um ... Voller Entsetzen – ich wußte nicht, was ich in diesem Augenblick tat – sah ich unser Haus lichterloh in Flammen!

Brandbomben mußten hier gefallen sein; denn als sich der Qualm hier und da lichtete, da sah ich auch das Bürohaus, den Heuboden und den Lattenzaun auf der Ziegelmauer in alles verzehrenden Flammen. Ich lief über den Hof, ungeachtet dessen, was um mich herum geschah, riß die Garagentore unterhalb des Kinderzimmers im Wohnhaus auf, wollte den großen Mercedes-Tankwagen ins Freie fahren, fuhr mich aber an einem der inneren Pfeiler fest, sprang wieder aus dem Fahrzeug! Es hatte keinen Zweck!


Die ohne Unterlaß anrollenden Böenwalzen, die immer wieder Funken aufwirbelten – oder waren es Brandbomben? – hatten jetzt auch das Flachdach des langgezogenen Tanklagers in Brand gesetzt! Irgendwoher griff ich eine Feuerpatsche, stürmte die Feuerleiter nach oben ... Weder das Dröhnen noch das Prasseln und Fauchen der Brände und Böenwalzen konnten mich aufhalten! Ich durfte nicht zulassen, daß hier alles in die Luft fliegt!
Ich weiß nicht wie, aber ich habe die Schwelbrände hier ersticken können. Immer wieder mußte ich mich flach auf den Boden legen, sobald das Fauchen anrollender Böenwalzen hörbar wurde. Liegend sah ich von der Süderstraße brennende Menschen über den Löschplatz laufen und in den Kanal springen oder auf dem Löschplatz als brennende Fackeln hilflos und infernalisch schreiend verenden.
Als der Morgen dämmerte, fand ich mich mit anderen Menschen in einem Bombenkrater im Sorbenpark wieder. Drüben, auf der anderen Straßenseite, sah ich nur Ruinen ...
Ich hatte kein Zeitgefühl mehr; meine Armbanduhr hatte ich irgendwo in der Nacht verloren. Dann stürmte ich aus dem Krater, über die verbrannten Büsche des Parks, entlang dem Ausschläger Weg über die Südkanalbrücke hin zu dem Luftschutzkeller. Tote ringsum, ein abgerissener Arm mit einem Ring am Finger und verkohltem Taschentuch in der Hand (von dem mein Vater sich einredete, daß dieser Ring der Tochter gehört habe!). Das Haus – Kartoffel-Krahn – stand noch, teilweise ausgebrannt und eingestürzt. Der Eingang zum Luftschutzkeller im Torweg war von Männern belagert, die offensichtlich eine Menge Schutt beiseite geräumt hatten, um an den Keller heranzukommen.
Erst Tage später, nachdem Männer der technischen Nothilfe den Keller geöffnet und den Zutritt gesperrt hatten, erfuhr ich den wahrscheinlichen Ablauf des Geschehens.
Sämtliche im Keller Anwesenden waren durch die gewaltige Hitze, die Phosphorbrandkanister verursacht haben sollen, erstickt. Dies ergab sich aus der Tatsache, daß im Keller anwesende Männer mit der Kreuzhacke die Soll-Bruchstelle in der Wand zum Kanal zu durchbrechen versucht hatten. Mittels brennender Streichhölzer, die ausgebrannt auf dem Fußboden herumlagen, wurde offenbar versucht, die Sauerstoffmenge im Kellerzu prüfen. Auch Wachskerzen wurden abgebrannt gefunden. Die Menschen im Keller, also auch Mutter und Trudel, lagen oder saßen wie eingeschlafen auf Pritschen oder mit dem Rücken zur Wand, sagte man mir.
Die Tür muß total glühend gewesen sein; darum ihr rostiges Aussehen. Der Keller war, wie ich gesehen habe, unbeschädigt ... Die Eigenhilfe kam wohl zu spät.“  
                    

Heinz Spiekermann


 
Wir wohnten im Westen Hamburgs. Am 24. Juli 1943 war unsere kleine Familie endlich einmal wieder vereint. Ich – damals 12 Jahre alt – war sechs Monate mit meiner Klasse in einem KLV-Lager in der Oberpfalz gewesen, daher war meine damals 24jährige Schwester, die inzwischen Kriegerwitwe geworden war, aus Berlin gekommen. In der Nacht auf den 25. Juli, meiner ersten Nacht „zu Hause“, heulten die Luftwarnsirenen, und es begann, was als „Unternehmen Gomorrha“ der anglo-amerikanischen Airforce in die Geschichte eingehen sollte. Unser Stadtteil war als erster betroffen: Es fielen Stabbrandbomben, und im oberen Teil unserer Straße detonierte eine Luftmine. Ich mußte mit meiner sehr ängstlichen Mutter im Keller ausharren, während mein Vater, er war „Luftschutzwart“, und meine Schwester im oberen Stockwerk des Hauses Flammen löschten. Als wir keine Detonationen mehr hörten, traten wir aus dem Haus und sahen ringsherum ein Flammenmeer – man hätte denken können, der „Große Hamburger Brand“ vom Mai 1842 wiederhole sich. Von den 31 Häusern in unserer Straßen blieben nur fünf erhalten. Alle Schulkameraden, mit denen ich im KLV-Lager sechs Monate das Zimmer geteilt hatte und die in der selben Straße wohnten, verloren in dieser Nacht ihre Wohnungen. Einem Freund nahm die Luftmine nicht nur die Wohnung, sondern auch die Eltern und den jüngeren Bruder. Ein anderer, mir bis heute verbundener Freund, fand mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester kurzfristig Unterschlupf bei meinen Eltern; auch er hatte mit seinen Angehörigen nur das nackte Leben gerettet. Anderntags sah ich dann in einer Seitenstraße viele teils verbrannte Leichen von Menschen, von denen ich einige sogar kannte.

Hans W. Möller-Sahling 



 
Hamburg 

In Hamburg – Fischbecker Heide erlebten wir die Operation „Gomorrha“, die die Hansestadt in der Woche vom 24. – 30. Juli 1943 ausradieren sollte. In diesen Tagen war für uns das schlimmste Erlebnis, daß die aus Hamburg stammenden Luftwaffenhelfer unserer Batterie angesichts der brennenden Innenstadt in der Stellung bleiben mußten und nur spärlich vom Schicksal ihrer Angehörigen erfuhren. An der Lage der Brandherde und bei einigen Lücken in den Qualmwolken konnten wir deutlich erkennen, daß diese Angriffe hauptsächlich den Wohngebieten gegolten hatten. Am zweiten Angriffstag flogen die Amerikaner einen ungezielten Tagesangriff, um die Flucht der Menschen auszunutzen und die Löscharbeiten zu stören.
Die nächste Stellung unserer Batterie lag in Bevenrode bei Braunschweig und sollte auch als Schutz für den Flughafen Waggum dienen. Dort erlebten wir nicht nur die Angriffe auf die Innenstadt von Braunschweig mit riesigen Flächenbränden und Zerstörungen, die wir erstmals als Luftwaffenhelfer vor Ort besichtigen konnten und die uns von der Notwendigkeit unseres Einsatzes überzeugten. Auch eine andere Variante dieses grausamen Kriegsgeschehens wurde uns deutlich. US-Begleitjäger flogen in der näheren Umgebung unserer Stellung Tiefangriffe auf einzelne Menschen, die sich auf ihren Äckern bei der Feldarbeit befanden. 
Karl-Ernst Lober 

Aus dem Spiegel
"Es war das eigentlich Nicht-Mögliche"

"Das alte Europa wurde zerstört"

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