Genugtuung über die riesige Zahl von Toten geäußert

Am 13. und 14. Februar 1945 fand mit den Luftangriffen auf Dresden der alliierte Bombenkrieg seinen schrecklichen Höhepunkt
Lothar Groppe SJ

Wenn über deutsche Verluste im Krieg, vor allem bei den Luftangriffen auf deutsche Städte gesprochen wird, zitieren „Antifaschisten", ohne den Fundort zu kennen, gern das Wort des Propheten Hosea: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten" (8, 7).



Unbestreitbar wurde der Zweite Weltkrieg durch das Dritte Reich der Nationalsozialisten ausgelöst. Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg gab es aber keinerlei Begeisterung in der Bevölkerung. Dafür waren die Schrecken des Ersten Weltkriegs noch in lebhafter Erinnerung, wenngleich „ abgesehen von Ostpreußen „ keine Kampfhandlungen auf deutschem Boden stattfanden. Mit zunehmender Dauer des Krieges hatte die deutsche Zivilbevölkerung unter alliierten Luftangriffen zu leiden.

1994 veröffentlichte der ehemalige Bundeswehrgeneral Jürgen Schreiber das Buch „Nicht Auschwitz, aber Stalingrad und Dresden". Ihm geht es um die Frage: „Was haben wir getan, was wußten wir?" Inzwischen ist man von der Kollektivschuldthese im allgemeinen abgerückt. Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker" wurde von Fachkollegen einer vernichtenden Kritik unterzogen. Es bleibt aber die Frage, ob die Bombenangriffe auf deutsche Städte nicht eine Reaktion auf die Luftangriffe deutscher Bomber auf England waren. In den Sonntagsreden unserer Politiker wird immer wieder die Bombardierung Coventrys angeführt, die dann alliierte Bombenangriffe auf deutsche Städte ausgelöst hätte. Wenngleich Hitler vom „Coventrieren" sprach, ist dies ein untauglicher Versuch.

Über 250.000 Opfer dürften realistisch sein

Zur „Rechtfertigung" alliierter Luftangriffe auf deutsche Städte scheidet die deutsche Bombardierung Coventrys als Beweis teutonischer Barbarei deswegen aus, weil die Stadt Zentrum der britischen Luftrüstung, also nach Kriegsvölkerrecht ein völlig legitimes Ziel war. Daß auch englische Zivilisten hierbei den Tod fanden, ist wegen der damals noch unvollkommen entwickelten Zielgeräte nicht der deutschen Luftwaffe anzulasten, zumal sich auch Rüstungsbetriebe inmitten von Wohngebieten befanden. Noch ein halbes Jahrhundert später haben bei Angriffen auf den irakischen Befehlsbunker in Bagdad lasergesteuerte Raketen ihr Ziel verfehlt und zahlreiche Zivilisten getötet.

Ein Blick auf die Prinzipien deutscher und alliierter Luftangriffe vermag zu einer korrekten Beurteilung der damaligen Situation zu verhelfen. Während die maßgebliche deutsche Dienstvorschrift „Luftkriegführung" (LDv 16) in Nr. 186 sagt: „Der Angriff auf Städte zum Zwecke des Terrors gegen die Zivilbevölkerung ist grundsätzlich abzulehnen", vertrat der Führer der englischen Konservativen, Stanley Baldwin, bereits am 10. November 1932 im britischen Unterhaus die These, daß das Völkerrecht bei Luftangriffen auf Feindesland keine Schranken bedeute. Es war Churchill, der die Bombardierung deutscher Städte befahl, um die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. So waren nach amtlichen deutschen und britischen Quellen die Verluste der Zivilbevölkerung in Deutschland auch zehnmal höher als in Großbritannien.

Wie hoch war nun die Zahl der Todesopfer in Dresden? Die JUNGE FREIHEIT veröffentlichte am 28. Februar 2003 einen Artikel von Hans-Joachim von Leesen, in dem es heißt: „Die genauen Opferzahlen der angloamerikanischen Bombenangriffe auf Dresden können bis heute nur vermutet werden."

Vor mir liegt ein Brief der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Protokoll und Auslandsbeziehungen, vom 31. Juli 1992. Auf die Anfrage hinsichtlich der Zahl der Toten schreibt die Sachgebietsleiterin Karin Mitzscherlich, „gesicherten Angaben der Dresdner Ordnungspolizei zufolge wurden bis zum 20. März 1945 202.000 Tote, überwiegend Frauen und Kinder, geborgen. Davon konnten nur etwa 30 Prozent identifiziert werden. Einschließlich der Vermißten dürfte eine Zahl von 250.000 bis 300.000 Opfern realistisch sein. Entsprechende neuere Forschungen sind noch nicht abgeschlossen." Ein befreundeter Politikwissenschaftler, dem ich diese Mitteilung machte, wollte sich persönlich von der Korrektheit der Angaben überzeugen. Auf seine Nachfrage erklärte die Sachgebietsleiterin, sie dürften keine Zahlen mehr nennen.

Die von Mitzscherlich angegebene Zahl der Todesopfer wurde seinerzeit durch den Oberst der Polizei Grosse gemeldet. Am 30. April 1945 meldete der Ia (Erster Generalstabsoffizier) von Dresden Oberstleutnant i. G. Mathes an das Führerhauptquartier, die Zahl der Todesopfer habe sich auf 253.000 erhöht. Von ihnen seien 36.000 voll identifiziert, während 50.000 anhand von Eheringen teilidentifiziert, dagegen 168.000 in keiner Weise identifiziert werden konnten. Der Vater von Oberstleutnant Mathes war damals als Verwaltungsdirektor Chef der Dresdner Baupolizei. Er bestätigte die Angaben seines Sohnes. Auch nach dem Krieg war er Baudezernent in Dresden. Nach 1945 seien noch viele zehntausend Leichen geborgen worden.

Die Angriffstaktik auf zivile Ziele war allseits bekannt

Natürlich kann es nicht um Aufrechnung gehen. Aber wenn man Rechts- und Linksradikalismus vorbeugen will, ist es notwendig, die historische Wahrheit zu ergründen. Wie schrieb doch der einflußreiche amerikanische Publizist Walter Lippmann: „Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang gefunden hat in die Geschichtsbücher der Besiegten und von der nachfolgenden Generation auch geglaubt wird, kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden."

Auf einen Artikel über die Terrorangriffe auf Dresden erhielt ich den Brief eines ehemaligen Leutnants der Luftwaffe. Nach seiner Verwundung durfte er zu Hause seine Verletzungen ausheilen, da die Lazarette überfüllt waren. Gemeinsam mit seiner Mutter hörte er immer wieder den Schweizer Sender Beromünster. Er erinnert sich daran, daß am Tag nach der Bombardierung Dresdens eine Meldung sinngemäß lautete: „Die Bombardierung von Dresden und Berlin in der vergangenen Nacht war ein voller Erfolg. Es muß hunderttausende Tote gegeben haben, da die Straßen beider Städte von Flüchtlingszügen aus Ostdeutschland vollkommen verstopft waren." Herr S. erinnert sich, einen Ton der Genugtuung über die Riesenzahl der Toten herausgehört zu haben, weiß allerdings nicht mehr genau, ob die immer wieder genannte Zahl von 360.000 Toten von Berlin und Dresden nur Dresden oder auch Berlin betraf.

Leutnant S. wurde zum Stab der Luftflotte 6 versetzt. Jeweils abends wurden zur Unterhaltung der Soldaten Spielfilme gezeigt. An einem Abend zog Herr S. einen Spaziergang dem Filmbesuch vor und hörte die Motorengeräusche schwerer Bomberverbände. Über dem Hauptquartier „ es war die ehemalige Landespflegeanstalt Treuenbrietzen „ wurden Leuchtbomben abgeworfen, die alles erleuchteten. Da er mit einem Bombenangriff auf das Hauptquartier rechnete, rannte er in die Stabsbaracke und schrie laut: „Alarm". Obwohl er das mehrmals wiederholte, rührte sich niemand. Schließlich riß er die Tür zum Saal mit der Filmvorführung auf und schrie erneut: „Alarm!" Es sei mit einem Bombenangriff zu rechnen. Sein Vorgesetzter, Major i.G. B., kam aus dem Saal, offenkundig über die Störung ungehalten. Als er Leutnant S. erkannte, meinte er: „Ach, Sie machen hier den Krawall. Sie wissen wohl nicht: Wir sind hier so sicher wie nirgendwo. Die englischen Bomber greifen keine militärischen Ziele an, nur zivile Flächenziele."

Churchill war sich seiner Kriegsverbrechen bewußt

Im Anschluß an Jörg Friedrichs Buch „Der Brand" warfen britische Historiker die Frage auf, ob Winston Churchill wegen der von ihm befohlenen Bombenangriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung Kriegsverbrechen begangen habe, und beantworteten sie mit einem klaren „Nein". Sie müssen sich dann allerdings fragen lassen, ob sie die unterschiedslose Bombardierung von Wohnvierteln als Verbrechen ansähen, wenn sie von deutscher Seite begangen worden wäre. Diese Frage stellen, heißt sie beantworten. Churchill wollte die Moral der Zivilbevölkerung durch Terrorangriffe brechen. Zur Bombardierung von Dresden ist von ihm das Wort überliefert: „Ich will die Deutschen braten". Wäre Churchill Deutscher gewesen, hätte man ihn wegen der Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet. Er selbst war übrigens der Ansicht, daß er am Galgen enden würde, wenn Großbritannien den Zweiten Weltkrieg verlieren sollte.

Pater Lothar Groppe SJ war Militärpfarrer und Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr sowie zeitweise Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan.



In Dresden
(Klicken Sie auf Bilder und Text zur Weiterführung)


Februar 1945: Ich war damals 9, und erst später habe ich richtig begriffen, was ich erlebt habe. Mein Vater war 1942 vor Stalingrad gefallen, und meine Mutter war ganz verzweifelt, als sie Januar 1945 erfuhr, daß die Russen kommen würden. Sie wußte zwar nicht genau was sie tun sollte, aber ein festes Ziel hatte sie klar vor Augen: Sie wollte sich und uns beide, mein Bruder war 4, vor den Russen retten. Da Brieg zwangsweise evakuiert wurde, blieb ihr nicht viel Zeit zum Überlegen. Sie packte das Notwendigste in einen Koffer, und wir drei fuhren von Brieg nach Berlin-Eberswalde zu ihrer Schwägerin. Wir verblieben dort etwa zwei Wochen, bis wir vom eigenen deutschen Volkssturm und den sogenannten Gruppenleitern gezwungen wurden, Berlin-Eberswalde zu verlassen  bzw. wieder zurückzufahren.

In dem zugeteilten Zug fuhren wir dann Richtung Dresden. Der Zug fuhr nicht zügig, sondern stoppte mehrmals und wurde, wie man uns sagte, ständig umgeleitet. Schließlich erreichten wir abends den äußeren Bereich von Dresden, und der Zug stoppte wieder. Die Stadt lag vor uns, wir konnten sie aber nicht sehen, da wegen der Verdunkelungspflicht alle Lichter aus waren. Man sagte uns, der Bahnhof sei überfüllt und wir müßten warten, bis wir an die Reihe kämen. Plötzlich fingen aus der Ferne die Sirenen an zu heulen, und der Zugführer ging von außen am Zug vorbei und teilte uns mit, daß wir wegen dem Fliegeralarm nicht reinfahren könnten. Kurze Zeit später ging es los. Man hörte das Gebrumme der Flieger, und es schien, als flögen sie über uns hinweg. Sie warfen ihre Bomben über Dresden ab, die Bomben explodierten mit einem dumpfen Geräusch, und Dresden fing an zu brennen, zuerst an einzelnen Stellen, dann wurde es immer mehr. Jetzt wußten wir genau, wo Dresden lag. So in etwa sechs bis acht Kilometer Entfernung vor uns sahen wir die Flammen hochsteigen.

In der frühen Morgendämmerung am nächsten Tag wurde uns ganz bange, als sich der Zug in Richtung Dresden in Bewegung setzte. Wir bekamen die ersten Trümmer zu sehen. Im Zug herrschte eine seltsame Atmosphäre – totales Schweigen auf der einen Seite, Hysterie einiger vereinzelten Personen auf der anderen. Zerstörte Häuser, Mauerreste, vereinzelte Stahlgerüste und viele Tote, sei es nur einzelne Körperteile, Arme, Beine, Gesichter oder die ganzen Körper, die hier und dort zwischen den Ruinen lagen. Meine Mutter versuchte uns gut zuzureden und mahnte uns an wegzuschauen, aber wohin? Wenn man wegschaute in eine andere Richtung, dann sah man dort das Gleiche. Schließlich holte sie mich vom Fenster weg. Wir fuhren schleppend in den Dresdner Bahnhof rein.


Der Aufenthalt in Dresden war sehr kurz, vielleicht eine Stunde. Dann setzte sich der Zug rückwärts in Bewegung, und gleich danach fingen wieder die Sirenen an zu heulen. Zum Glück hielt der Zug nicht mehr, sondern beschleunigte sein Tempo. Dann kamen schon an diesem frühen Morgen die ersten Bomber mit einer neuen Angriffswelle, und man konnte jetzt deutlich die Bomben sehen, die auf Dresden herabfielen. Wir verließen diesen Ort des Grauens noch rechtzeitig.


Anneliese Hilger



Erinnerungsstücke werden in mir nun wieder wach an die Nacht zum 14. Februar 1945, zu meinem 4. Geburtstag. Ich selbst war damals ein lebhaftes, zierliches kleines Mädchen mit großer Neugier und mein Geist kapierte schon, daß irgend etwas nicht stimmte, furchtbar war, eine Zerstörungswut und Panik bemerkte ich überall. Eine Tante hatte ein großes, älteres Haus mitten in einer Stadt in Sachsen in etwaiger Nähe von Dresden entfernt. Dort waren Großmutter und ich (Mutter zu Hause, Vater weg, er befand sich im Krieg) zu Besuch, alle sehr unruhig, steckten mich kleines Mädchen damit an, draußen hörte ich es krachen, donnern und immer dieses schreckliche unheimliche Heulen, laut, ohrenbetäubend, markerschütternd. Großmutter blickte mich an und sagte: „Der Krieg, die Bomben, Sirenen.“ Ich hatte wahnsinnige Furcht und Angst. Wir sind dann alle in den dunklen Luftschutzkeller gegangen, schwache Lichter wurden angezündet, es war unheimlich und kalt dort unten, wir haben gefroren, ich klammerte mich schutzsuchend und verängstigt an meine Großmutter, eine liebevolle, fürsorgliche Oma, Decken sollten vor Kälte schützen, nützten aber nicht viel. Die Menschen waren zu aufgeregt, flüsterten untereinander, dann kamen noch andere Menschen hinzu.


Draußen ging das Donnern, Krachen, Sirenengeheul weiter, so daß wir immer wieder zusammenzuckten, einige murmelten Gebete zu Gott, wie Oma sagte. Ich zitterte und fror jämmerlich, meine Großmutter betete auch, war in Gedanken vertieft, nahm mich instinktiv fester in die Arme, ihre schützende Nähe tat mir so gut. Plötzlich war ich hundemüde vor Angst, Aufregung, Kälte, da hörte ich Großmutter flüstern: „Oh Gott, Dresden brennt, die Bomben.“ Ich kapierte in meinem kindlichen Kopf, daß dort wohl schrecklicher Krieg sein mußte, dort gab es keinen Schutzengel, dann fügte sie noch hinzu: „Armes Kind, Dein 4. Geburtstag, wie schrecklich.“ Danach fiel ich einen langen Schlaf, da ich von allem zu erschöpft war. Als ich die Augen aufschlug, befand ich mich im Bett, Großmutter lächelte mich mit müden, verweinten Augen gutmütig an, strich mir übers Gesicht, sagte stockend: „Dresden ist kaputt, dort ist Krieg, Menschen sind tot.“ 


Uta Fritzsche

Einer der vielen Verbrennungshügel in Dresden nach den Bombenangriffen am 14. und 15. Februar 1945


Die Scheiterhaufen sollen Tag und Nach gelodert, kilometerweit habe es nach verbranntem Fleisch, nach brennender Kleidung gerochen;  Hügel von Knochenresten und Asche türmten sich auf. Offiziell wird heute von 35.000 Toten ausgegangen in der Literatur gibt es auch wesentlich höhere Schätzungen.  Auch wird u.a. durch die Praxis, wegen der Seuchengefahr, systematisch die Verwesenden in den Kellern mit Flammenwerfern zu verbrennen nie die genaue Zahl zu ermitteln sein.


zurück zum Inhalt Dresden


Weiter: 
Hochgerechnet und heruntergelogen
Die genauen Opferzahlen der anglo-amerikanischen Bombenangriffe auf Dresden können bis heute nur vermutet werden
Hans-Joachim von Leesen

Hier könnten Ihr Bericht, Ihre Bilder zu sehen sein. Wir suchen Berichte von Zeitzeugen und Bilddokumente. Helfen Sie mit, dass unseren Opfern gedacht und das Geschehene  für die Nachwelt dokumentiert wird. Empfehlen Sie diese Seite weiter.
info@bombenkrieg.net