Auslöschung des deutschen Kulturgutes
In den letzten drei Monaten des Krieges zerstörte das britische Bomber Command zahlreiche militärisch unbedeutende deutsche Städte
Björn Schumacher

Am 16. März 1945 zerstörten britische Bomber die fürstbischöfliche Residenz Würzburg mit ihrem Reichtum an Barockarchitektur und bildender Kunst. Etwa 5.000 Menschen - in der Mehrzahl Frauen, Kinder und ältere Männer - kamen ums Leben. Sie wurden von Bomben- und Gesteinstrümmern erschlagen, verbrannten oder erlitten einen tödlichen Hitzschlag, erstickten an Sauerstoffmangel oder starben den Kohlenmonoxidtod.

In der fernab der Front liegenden Mainmetropole gab es kaum militärisch nutzbare Objekte, auch keine Abwehrraketen. Abfangjäger waren am 16. März 1945 nicht im Würzburger Luftraum. Der Spreng- und Brandbombenangriff erschwerte sogar die spätere Einnahme der Stadt durch US-amerikanische Bodentruppen. Die Trümmerwüste bot den Verteidigern immer wieder überraschende Versteck- und Aktionsräume.

Würzburg taugte nicht einmal als Instrument der ethisch wie kriegsrechtlich fragwürdigen „Morale-Bombing-Strategie“. Kein noch so furchtbarer Stadtbrand hatte den Durchhaltewillen deutscher Soldaten und Industriearbeiter brechen können. Auf den Durchhaltewillen sonstiger Zivilisten kam es ohnehin nicht an. Zudem war der Krieg im März 1945 entschieden. „Es gab keine Moral, kein Öl und keinen Verkehr mehr“ (Jörg Friedrich). Nur bewußte Realitätsverweigerung konnte Premierminister Winston Churchill und Bomber-Command-Chef Arthur Harris noch von einem Resterfolg ihrer Strategie, vielleicht von einer richtunggebenden Verkürzung des Krieges, träumen lassen. Die Vernichtung der Stadt und die Tötung von etwa 5.000 unschuldigen Menschen bleiben ein Akt sinnloser Barbarei.

„Bereitschaft, die Zivilisation zu Staub zu zerstampfen“

Der 1998 gestalteten Erinnerungsstätte des Würzburger Rathauses sind solche Gedanken leider fremd. Ihr Geschichtsbild ist monokausal und nationalneurotisch. Die Stadtväter bezeichnen das den Krieg auslösende Völkerrechtssubjekt weder korrekt („Das Deutsche Reich“) noch typifizierend („nationalsozialistisches Deutschland“). Wohlwollend über Churchill und Harris räsonierend, geben sie die Schuld am Feuersturm des 16. März 1945 „den Deutschen“, die „den Krieg losgebrochen haben“. Dieser rechtsethisch abwegigen Kollektivschuldphrase sei ebenso energisch widersprochen wie der Verwendung der dritten anstelle der ersten Person Plural. Die geschwätzige Germanophobie der 68er-Geschichtsdeutung peinigt auch das heitere Mainfranken. Neben einer ergreifenden Bronzeplastik vor dem Würzburger Hauptfriedhof ruhen 3.000 Opfer des Luftschlags: „Friede ihren armen Seelen, Friede unserer armen Stadt“ (Gedenksäule).

Die Liquidierung Würzburgs gehört zu einer Serie atemberaubender Terrorangriffe der letzten Kriegsmonate. Beginnend mit Dresden (13./14. Februar 1945) wollte Churchill Deutschlands kulturellen Lebensnerv treffen und gleichzeitig die Schlagkraft des Bomber Command im Verbrennungskrieg demonstrieren. Jahrzehntelang hatte der selbsternannte „Soldier of Christ“ kaum gezügelten Antigermanismus gepflegt. Als Kriegsminister plante er für 1919 einen „Tausendbomberangriff“ auf Berlin, und 1925 - Deutschland war keine braune Diktatur, sondern ein demokratischer Verfassungsstaat! - schwelgte er in damals noch virtuellen Armageddon-Visionen: „Die Schrecken von 1919 blieben in den Archiven vergraben, aber ihre Idee lebt weiter, (…) die Bereitschaft, die Zivilisation zu Staub zu zerstampfen. Zum ersten Mal bietet sich einer Gruppe gesitteter Menschen die Möglichkeit, die andere Gruppe zu völliger Hilflosigkeit zu verdammen. Vielleicht wird es sich beim nächsten Mal darum handeln, Frauen und Kinder oder die Zivilbevölkerung überhaupt zu töten.“

Perfektes Vehikel für Churchills Brand- und Stampfszenario war Pforzheim mit seinen schmalen, verschachtelten Gassen und den dicht beieinander stehenden alten Häusern. Im Talkessel des Zusammenflusses von Nagold und Enz entfachte die Royal Air Force am 23. Februar 1945 einen infernalischen Feuersturm. „Pforzheim zerkochte zu Lava, als hätten die Zyklopenfäuste anderer Erdzeitalter zugeschlagen“ (Jörg Friedrich). Jeder dritte Einwohner verbrannte, erstickte oder ertrank im vermeintlich rettenden Wasser: Krieg gegen badische Uhrmacher-, Goldschmiede- und Schmuckhändlerfamilien. Vom Wallberg, einem Trümmerhügel der Nachkriegszeit, wandert der Blick zu jener seelenlosen Betonwüste, die einmal markgräfliche Residenz war. Auf dem nahe gelegenen Hauptfriedhof macht sich lähmendes Entsetzen breit. Ein überdimensionales Hochkreuz überragt das Massengrab von 20.000 Männern, Frauen und Kindern. Pforzheim, ein Ort des Grauens.

Als „Venedig des Nordens“ galt Hildesheim den Kennern abendländischer Baukunst. Am 22. März 1945 wurde es zur Frankenstein-Kulisse. Innerhalb des Wimpernschlags von achtzehn Minuten vernichtete das Bomber Command den tausendjährigen Bischofsitz mit den monumentalen romanischen Gottesburgen. Auch das Knochenhaueramtshaus, ein Wunder der Fachwerkarchitektur, verbrannte vollkommen. 1.736 Menschen bezahlten den Terror mit ihrem Leben: „wehrlose Opfer der Willkür“ (Gedenkstein Nordfriedhof). Doch Hildesheim war nicht totzukriegen. Der tausendjährige Rosenstock an der Apsis des Doms überdauerte den Verbrennungskrieg; und Ende der achtziger Jahre wurde mit dem gesamten Marktplatz auch das Knochenhaueramtshaus wiederaufgebaut - beglückendes Beispiel für die ungebrochene Liebe von Bürgern zur kulturellen Tradition ihrer Stadt.

Der finale Schlag der Briten richtete sich gegen Potsdam

Das westfälische Paderborn, ein frühes Zentrum christlicher Missionarstätigkeit, ließ Harris am 27. März 1945 exekutieren. Etwa dreihundert Menschen starben in der Feuerhölle; das städtebauliche Kleinod verkam zum proportionslosen Flickwerk aus Sichtbeton und Kunststoffverkleidungen. Den Domplatz verunstaltet heute der „dekonstruktivistische“ Neubau des Diözesanmuseums. Beklemmende Disharmonie ohne jedes ästhetische Maß kennt viele Namen.

Unmittelbar nach der Zerstörung Paderborns, des kaum mehr bewohnten Danzig (26. März 1945) und dem Höllenfeuer in der einst linksliberal geprägten „Stadt des Freisinns“ Nordhausen (3./4. April 1945, bis zu 8.800 Tote) verabschiedete sich Churchill vom Bombenterror und den Restbeständen seiner Morale-Bombing-Doktrin. Aufgeschreckt durch Empörung auch im britischen Volk, schrieb er den Stabschefs der Royal Air Force: „Es scheint mir, daß der Augenblick gekommen ist, die Frage der Bombardierung deutscher Städte, nur um einer Vermehrung des Terrors wegen, wenngleich unter anderem Vorwand, zu überprüfen. (…) Die Zerstörung von Dresden bleibt ein ernstes Argument gegen die Führung des alliierten Bombenkrieges. (…) Ich meine, daß es notwendig ist, sich präziser auf militärische Ziele (…) statt auf bloße Akte des Terrors und der mutwilligen Zerstörung zu beschränken - und seien sie noch so eindrucksvoll“.

Potsdam sollte von Churchills Sinneswandel nicht mehr profitieren. Seinen letzten Großangriff vom 14. April 1945 sparte sich die britische Luftwaffe für die aus alliierter Sicht „Ausgeburt des preußischen Militarismus“ auf. Wie in Dresden wollten Harris’ Bomber auch die Sowjetarmee beeindrucken und erste Duftmarken für die Nachkriegsordnung setzen. Fünfhundert Maschinen und 1.700 Bombentonnen pulverisierten 47 Prozent des historischen Baubestands mitsamt Garnisonkirche und Stadtschloß. 5.000 Menschen fielen der Massentötung zum Opfer.

Foto: Würzburg vom Mainufer gesehen vor dem Krieg und nach der Zerstörung am 16. März 1945: „Bloße Akte des Terrors und der mutwilligen Zerstörung“ (Churchill an den Stabschef der Royal Air Force)